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Peter Gorsen

Biographie

geboren: 16.11.1933 in: Freie Stadt Danzig (heutiges Polen) verstorben: 09.11.2017
 

Die Abteilung Kunstgeschichte trauert um Peter Gorsen (1933-2017)

Peter Gorsen war maßgeblich am Aufbau und der Einrichtung der Lehrkanzel (ab 1976/77) bzw. des Lehrstuhls für Kunstgeschichte (ab 1997) beteiligt. Diesen hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 inne. Er prägte die kunsthistorische Lehre an der Angewandten nachhaltig methodisch und inhaltlich und eröffnete einer ganzen Generation an Studierenden neue Denk- und Forschungsfelder.

Peter Gorsen war ein außergewöhnlicher, international höchst renommierter Denker, der neue Forschungsgebiete an den Randgebieten der Kunstgeschichte erschlossen hat. Nach eigener Beschreibung war er Kunst- und Mentalitätshistoriker. Er hat grenzüberschreitende Lehre und Forschung über Kunst und Psychiatrie bzw. Tiefenpsychologie, Kunst und Sexualwissenschaft, Geschlechterbilder und (Trans)Gender Studies, Outsider-Kunst, Art Brut und Abject Art unternommen und forschte zum Wiener Aktionismus ebenso wie zur Kunsttherapie. In diesen Kontexten hat er zahlreiche Bücher und Texte publiziert. 

Geboren 1933 in Danzig, wurde Peter Gorsen 1966 bei Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas mit der Dissertation Zur Phänomenologie des Bewußtseinsstroms. Bergson, Dilthey, Husserl, Simmel und die lebensphilosophischen Antinomien. Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie und Pädagogik in Frankfurt promoviert. Es folgten, bald in mehrere Sprachen übersetzt, Das Prinzip Obszön. Kunst, Pornographie und Gesellschaft (1969) sowie, mehrfach aufgelegt, Sexualästhetik. Zur bürgerlichen Rezeption von Obszönität und Pornographie (1972) und Maskulin – Feminin (1972, mit Anita Albus, Franz Böckelmann, Bazon Brock, Peter Hazel, E. Hazel und Rita Mühlbauer). 1974/75 erarbeitete er eine umfangreiche Erfassung der proletarischen Kultur in Sowjetrussland (Proletkult, 1975).

Gorsen gehörte zu den ersten Akademikern im deutschsprachigen Raum, die sich der feministischen Kunstgeschichte widmeten, mit Seminaren zur „Frauenkunstgeschichte“ an der Angewandten ab 1975, die in das Buch Frauen in der Kunst mündeten (1980, mit Gislind Nabakowski und Helke Sander). Zusätzlich zur Lehre an der Angewandten beteiligte er sich rege an Diskussionen in kunst- und gesellschaftspolitischen Fragen und war langjähriger Kunstkritiker der FAZ. 1997 war er an der Konzeption der Ausstellung „Kunst und Wahn“ im Kunstforum Wien beteiligt (Katalogbuch, gemeinsam mit Ingried Brugger und Klaus Albrecht Schröder). Den Komplex seiner Forschung zu Körperbildern in der Literatur und Kunst der Moderne beschloss die Publikation Jenseits der Anatomie. Marionette und Übermensch im Werk von Kleist und Bellmer (2001).

Nach seiner Emeritierung im Jahr 2002 blieb Peter Gorsen ein prominenter Kritiker und Diskussionspartner und publizierte auch weiterhin unermüdlich in den von ihm erarbeiteten Forschungsgebieten. 2009 verfasste er, auch als Zeitzeuge und theoretischer Kommentator des Aktionismus, den Rückblick Das Nachleben des Wiener Aktionismus: Interpretationen und Einlassungen seit 1969 (2009). Seinen vermutlich letzten öffentlichen Auftritt hatte er bei der von Manuela Ammer und Kerstin Stakemeier konzipierten Konferenz „Aber etwas fehlt. But something’s missing.“ Marxistische Kunstgeschichte zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit am Wiener mumok im Vorjahr. Aus Krankheitsgründen konnte er nur per Videoaufzeichnung zugeschaltet werden, doch ließen seine fesselnden, fast 120minütigen Ausführungen das Übertragungsformat völlig vergessen und führten zu angeregten Diskussionen. Bis zuletzt stand er, in gewohnter intellektueller Schärfe und Offenheit, als Briefpartner für den wissenschaftlichen Austausch in aktuellen Fragen des Fachs zur Verfügung.

Peter Gorsen ist in der Nacht vom 8. zum 9. November 2017 nur wenige Tage vor seinem 84. Geburtstag in Wien verstorben. Wir übermitteln seiner Familie unsere Betroffenheit und Trauer und werden ihn als Austauschpartner und ehemaligen Kollegen vermissen.
(http://www.angewandtekunstgeschichte.net/news/die_abteilung_kunstgeschichte_trauert_um_peter_gorsen_1933_2017)

 

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Peter Gorsen studierte an der Universität Frankfurt die Fächer Philosophie, Psychologie und Kunstwissenschaft. Im Jahr 1965 wurde er mit seiner Dissertation zur Phänomenologie des Bewußtseinsstroms zum Dr. phil. bei Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas promoviert. Nach seiner Promotion übernahm Gorsen einen Lehrauftrag für Literatur und Soziologie an der Universität Frankfurt. Von 1973 bis 1976 war er Dozent für Kunst und visuelle Kommunikation an der Universität Gießen.

Von 1977 bis zu seiner Emeritierung am 30. September 2002 lehrte er als Professor für Kunstgeschichte an der Universität für angewandte Kunst Wien. Dort leitete er von 1996 bis 1998 das Institut für Museologie.

Seit 1980 betrieb Gorsen interdisziplinäre Forschung und Lehre zum umfangreichen Themenkomplex Kunst und Krankheit. Dadurch konnte sein Werk an die Tradition einer kunstwissenschaftlichen Hermeneutik von Raymond Klibansky, Erwin Panofsky und Fritz Saxl anschließen. Spezielle Themenschwerpunkte hat er auch in der Psychohistorie, Ästhetik, Psychiatrie und Art brut bearbeitet.

Schon von Beginn an beobachtete und beschrieb Gorsen den nur etwa zehn Jahre existierenden Wiener Aktionismus. Im Jahr 2010 wurde er mit der Hans-Prinzhorn-Medaille geehrt.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Gorsen)


 

Publikationen

(aus Wikipedia)

  • Friedrich Schröder Sonnenstern. Eine Interpretation. Von Sydow-Zirkwitz, Frankfurt am Main 1962
  • Zur Phänomenologie des Bewußtseinsstroms. Bergson, Dilthey, Husserl, Simmel und die Lebensphilosophischen Antinomien.(Dissertation Universität Frankfurt). Bouvier, Bonn 1966
  • Das Prinzip Obszön. Kunst, Pornographie und Gesellschaft. Rowohlt, Reinbek 1969
  • Sexualästhetik. Zur bürgerlichen Rezeption von Obszönität und Pornographie. (Gewidmet Hans Giese). Rowohlt, Reinbek 1972 ISBN 3-499-25007-1
  • Kunst und Krankheit. Metamorphosen der ästhetischen Einbildungskraft. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1980
  • Transformierte Alltäglichkeit oder Transzendenz der Kunst. Syndikat, Frankfurt am Main 1981 ISBN 3-434-00466-1
  • Salvador Dalí, der kritische Paranoiker. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1983
  • Von Chaos und Ordnung der Seele. Ein interdisziplinärer Dialog über Psychiatrie und moderne Kunst. (Mit Otto Benkert). Springer, Berlin et al. 1990
  • Attersee – Werkverzeichnis 1963–1994. Residenz, Salzburg 1994
  • Karl Junker 1850–1912. Das Haus in Lemgo. In: Ingried Brugger, Peter Gorsen, Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.): Kunst & Wahn. DuMont, Köln. 1997. S. 283–289 ISBN 3-7701-4274-8
  • Jenseits der Anatomie. Marionette und Übermensch im Werk von Kleist und Bellmer. Heilbronn, 2001
  • Gottfried Helnwein, der Künstler als Aggressor und vermaledeiter Moralist. Albertina, Wien, Ausstellungskatalog, 1985
  • Zur Problematik der Archetypen in der Kunstgeschichte. Carl Gustav Jung und Aby Warburg. In: Kunstforum international Bd. 127/1994, S. 238–249
  • Der Eintritt des Mediumismus in die Kunstgeschichte. In: The Message. Kunst und Okkultismus. Hrsg. v. Claudia Dichter, Hans Günter Golinski, Michael Krajewski, Susanne Zander. König, Köln 2007, S. 17–32. ISBN 978-3-86560-342-5
  • Das Nachleben des Wiener Aktionismus. Interpretationen und Einlassungen seit 1969. Ritter, Klagenfurt 2008 ISBN 978-3-85415-419-8