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Bernhard C. B√ľnker

Biographie

geboren: 14.08.1948
verstorben: 16.07.2010
 

Nachruf von Manfred Chobot in der Wiener Zeitung.

Konsequent dialektisch
Von Manfred Chobot

Eine persönliche Erinnerung an den "Heimatdichter" Bernhard C. Bünker (1948 – 2010).

Infolge der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen durch die 1968er-Bewegung entwickelte sich Anfang der 1970er Jahre in Österreich die Dialektliteratur zu einer wesentlichen Ausdrucksform. Einer der wichtigsten und konsequentesten ihrer Vertreter war Bernhard C. Bünker: für ihn manifestierte sich im Dialekt zugleich Heimat. Nämlich ein Heimatbegriff, den es galt, neu zu definieren, um den Beigeschmack jeglicher Nazi-Terminologie abzuwerfen, bloß keine "Heimatdümmelei" zu betreiben, weder Idylle noch Verlogenheit. Überaus wichtig war ihm daher die Abgrenzung von der "Mundartdichtung", bei der er noch Blut-und-Boden-Ansätze spürte. In den Liedermachern erkannte er Verbündete, weshalb er oftmals mit Musikern zusammengearbeitet hat.

Selbstbewusst nannte Bernhard Bünker sich "Heimatdichter". Bereits in seinem ersten Gedichtband, "De ausvakaufte Hamat" (1975), thematisierte er Auswüchse des Tourismus, die Zerstörung der Umwelt, Menschenverachtung und Geldgier. Als evangelischer Religionslehrer verdiente er nicht nur sein Brot, sondern setzte sich auch dafür ein, Gerechtigkeit und Demokratie zu erklären.

Nachdem er entdeckt hatte, dass ein bekannter Neonazi bei derselben Bank wie er ein Konto hatte, schrieb er dem Bankchef einen Brief, in dem er darlegte, dass er nicht von einem Institut vertreten werden möchte, das sich auch um die Finanzen eines Neonazis kümmert. Bernhard kannte keine Kompromisse. Er schrieb ausschließlich mit seiner Schreibmaschine, dem Computer hat er sich zeitlebens verweigert. Und eine Lesung in Kärnten abgelehnt, solange die zweisprachigen Ortstafeln nicht entsprechend dem Österreichischen Staatsvertrag aufgestellt waren. Er lasse sich nicht missbrauchen und vor einen Karren spannen, der seiner Gesinnung widerspreche.

In Radenthein aufgewachsen, lebte er viele Jahre im "Wiener Exil", bis er sich am Kampstausee ansiedelte, wo er als Fischereiaufseher fungierte. In seiner Wiener Wohnung habe ich die besten Forellen meines Lebens gegessen. Neben seiner Vorliebe für Ernest Hemingway war die Fischerei seine große Leidenschaft.

Viele Jahre war Bernhard der beste Abnehmer meiner leeren Tabakdosen, als ich ausschließlich Pfeife rauchte. Die Dosen verwendete er für seine Köder. Die Angelhaken mit den "Fliegen" bastelte er selbst. Stolz zeigte er mir, wie welche "Fliege" für welchen Fisch auszusehen hatte und warum dieser oder jener Fisch darauf am besten beiße. Es war, als würde ein Franzose einem Norweger die Feinheiten des Weinanbaus näherbringen wollen. Handwerklich war Bernhard sehr geschickt. Für einen Neffen hat er die Figuren eines Schachspiels aus Blei gegossen und bemalt. Eine pingelige Arbeit, die große Geduld erfordert. Bernhard war ein Autor, der für seine Literatur ausschließlich den Dialekt benützte. Auch diesbezüglich war er konsequent.

Als sich vom IDI (Internationalen Dialektinstitut) das ÖDA (Österreichische Dialekt Archiv) abspaltete, übernahm Bernhard die Funktion des Präsidenten. Die Folge war die Gründung der Dialektzeitschrift "Morgenschtean".

Viele Jahre davor hatte er den legendären "Stammtisch Kovacic" beim gleichnamigen Wirten in Währing ins Leben gerufen. Dialektdichter trafen sich zum Gespräch und zum Vorlesen eigener Texte. Gemeinsam haben wir die "Dialekt-Anthologie 1970 – 1980" herausgegeben – eine Folge unserer Reise nach München, wo wir im Rahmen des Deutschen Schriftstellerverbandes 1980 eine Woche lang lesend in Vorstadtbeisln und Bezirksmuseen unterwegs waren.

Vor drei Monaten ein Anruf auf meiner Mailbox: "Ruf mich zurück". Als ich Bernhard anrief: "Ich möchte mich von dir verabschieden. Wir sehen uns nicht mehr. Als ich bei deiner Lesung war, hast du ja gesehen, dass es mir schlecht geht. Leberkrebs im Endstadium. Der Leichenschmaus wird im Wirtshaus Huber sein. Es wird Kalbsnierdln geben." Das war seine Leibspeise.

Unsere Begrüßung und Verabschiedung lautete stets gleich: "Raaah"! Entnommen der Sprechblase eines Comics, den wir in unsere Anthologie aufgenommen hatten. Weder Bernhard noch ich waren zu einem letzten "Raaah" imstande. Deshalb brülle ich dir nun, wenige Tage nach deinem Tod, so laut ich nur kann nach: "Raaah!!"

http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3946&Alias=Wzo&cob=508807


 

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