MITGLIEDER

Text von:
Rhea Krčmářová

Lebensstriche

Ich habe eine wie dich gekannt, sagt sie, sie war eine von uns, manchmal. Handlesen konnte sie und Karten legen. Sehr schwanger war sie, bevor sie verschwunden ist, das weiß ich noch, sie hat sich ausgependelt, dass es ein Mädchen wird.

Sie steht auf, geht durch Dunst und Rauch zu mir und nimmt mein Gesicht zwischen unbeklebte Fingerspitzen, die mir flüchtige Täler in Kinn und Wange graben.

Du siehst fast genauso aus wie sie, sagt die Äteste.

Geh, red keinen Unsinn, Vladka! Eine der anderen Alten unterbricht sie. Das war in den Fünfzigerjahren. Sie dreht sich zu mir, fast entschuldigend. Manchmal

spült uns die Becherovka jegliches Zeitgefühl davon, sagt sie. Manche von uns tauchen einfachunter. Wir wissen nie, wer sie geholt hat. War es die Geheimpolizei, war es der Fluss? Manche tauchen auf, wie Treibholz am Flussufer, manche bleiben verschluckt.

Die Älteste lässt sich nicht ablenken. Du siehst aus wie eine dieser Verschwundenen, miláčku, Schätzchen, sagt sie. Wer war sie? Deine Mutter? Urgrossmutter?

Ich sehe aus wie alle und niemand, sage ich, darum lese ich aus Hügeln und Linien. Die, deren Zukunft ich in Händen gehalten habe, vergessen mein Gesicht nicht.

(...)

Zum Fluss geht man nicht weit. Er liegt zwischen den Plattenbauten wie ein schwarzes, mit Lichtspiegelungen betupftes Band, wie die Andeutung einer fernen Milchstrasse.

Ich rutsche über löchrige Asphaltwege auf das Wasser zu, in felshohen Stiefeln, die ich nur manchmal anziehe, in denen zu gehen ich wenig Übung habe. Aus dem Regen

ist ein Nieseln geworden, das Aufklatschen der kleinen Tropfen auf dunklen Pfützen fast ein Liebkosen. Der Betonklotz, auf den ich mich setze, diente einmal zum Festmachen der Schiffe. Er hinterlässt seine Nässe in meinem Kleid, die Tropfen des Nieselregens setzen sich wie Gablonzer Steinchen in meine Locken, fangen das Licht der einen

Straßenlaterne ein, lenken es auf mein Gesicht. Ich weiß, ich werde nicht lange warten müssen.

Du bist doch die kleine Nymphe, die Handlesen kann, fragt er, magst du es nicht mal bei mir probieren?

Ich nicke und meine Locken tänzeln durch die Nieselluft.

Und vorher noch eine Handentspannung, sagt er, machst du doch, mögt ihr doch alle am liebsten, so wenig anfassen wie möglich.

Er holt eine große Plastikplane aus dem Handschuhfach. Damit du mir nicht alles volltropfst, sagt er. Ich nicke, steige ein, mir sind in den letzten Tagen schon zwei durch die Finger gerutscht. Jetzt sehe ich sein Gesicht, aber ich erkenne es

nicht. Keine Autos kommen uns entgegen, als wir stromabwärts fahren. In anderen Nächten sehe ich die Frauen aus dem Café in Kleinwägen und Familienautos

sitzen. In dieser Nacht aber bin nur ich auf den Strassen.

Die Fahrt dauert nur wenige Minuten, noch ein bisschen weiter, mit der Strömung mit. Vor uns Nacht und Fluss und der Weg in Richtung Nachbarland, hinter uns die Stadt, in ein zu enges Flusstal gequetscht. Industriebauten ragen wie Felsen

empor. Wir schweigen und ich starre auf seine Handschuhe. Kunststoff, in beige, mit Löchern entlang der Finger. Die mit den Irrlichtbrüsten würde ihn einen Rallyefahrer-Möchtegern nennen. Helle Härchen schlängeln sich aus den Lederlöchern, ein Metallknopf schimmert kurz auf.

Die Heizung bläst mir künstliche Hitze entgegen. Alle Kristalltropfen in meinen Haaren lösen sich auf. Lange werde ich es in diesem Fahrzeug nicht

aushalten können.

Warum bist du denn allein am Fluss, fragt er,magst du die anderen nicht?

Im Café Hastrman ist es mir zu stickig, sage ich, an die Luft der Nacht hab ich mich inzwischen gewöhnt.

Der Wagen wird langsamer, er parkt zwischen dem Gebüsch, zieht die Handbremse an und fischt nach fünf Scheinen, die er mir schweigend zwischen die Brüste drückt.

Das passt doch, sagt er. Er öffnet seine Hose, seine behandschuhten Hände

führen meine Finger zu seinem Schoss. Er hat schon einen Schutz übergestreift, bevor er zum Fluss gekommen ist. Komm ans Ufer, sage ich und versuche, ihn zu

küssen.

Er schüttelt den Kopf, weicht meinem Mund aus.

Bist du schon feucht?

Immer, sage ich. Und meine Hände sind weich wie Regenwasser.

Nymphe, sagt er.

(Auszug, aus dem Erzählband Böhmen ist der Ozean, Kremayr & Scheriau, 2018)