MITGLIEDER

Text von:
Patricia Brooks

Auszug aus dem Roman "Kimberly"

In einer verlassenen Hinterhofgarage hatte sich eine Bande halbwüchsiger Straßenkinder für die Nacht eine Bleibe gefunden. Sie waren müde, erschöpft und sie froren. Der kalte Regen klimperte ein sanftes, monotones Toktok auf das Blechdach der Garage, rauschte durch die rostzerfressene Regenrinne und weichte die Straße in einem glitschigen Glanz auf. Wie ein Ölfilm zog sich die Feuchtigkeit unter die Haut der Kinder. Sie waren zwischen zwölf und sechzehn Jahre alt. Steif hielten sie die klammen Hände über das Feuer, das sie in einer leeren Zehnliter-Lackdose mit Müll und Spänen einer zerbrochenen Obstkiste entzündet hatten. Es stank nach verbranntem Lack und Plastik, und der Rauch biss ihnen in die Augen. Selbst die Ratten wurden davon nervös und unvorsichtig. Scooter fing sich eine, packte sie am Schwanz und ließ sie mit der Schnauze über das Feuer baumeln.
- Kleiner Leckerbissen, flötete er.
Die Ratte quiekte, wand sich, bäumte sich auf und schnappte feindselig nach seinen Fingern. Aber Scooter war sehr geschickt. Scooter hatte was Ratten betrifft kein Gewissen.
- Entweder du schlägst ihr sauber den Schädel ein und frisst sie oder du lässt sie laufen, fuhr Willie Scooter an.
Scooter tunkte abermals den Kopf der Ratte ins Feuer. Die Ratte schrie erbärmlich. Willie sagte nichts. Er fixierte die Klinge seines Messers im Schaft und mit einem schnellen, sicheren Schnitt durchtrennte er den Schwanz der Ratte. Das Tier verfehlte um Haaresbreite die Feuerdose und plumpste zu Boden. Scooter heulte auf, versuchte die Ratte, die sich erbittert in seinen Unterschenkel verbissen abzuschütteln. Das gelang ihm aber nicht, und so riss er sie mit einem Stück Haut und Muskelfleisch aus seinem Bein heraus und erschlug sie. Dann kehrte Ruhe ein. Nur Nancy fing an zu lachen, ein leises, perlendes Lachen. Ein Lachen, das anschwoll bis Nancy sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Ein Lachen wie das Heulen einer verrückten Wölfin. Aber keiner hat sie gepackt, geschüttelt oder ihr ins Gesicht geschlagen, um sie zur Vernunft zu bringen. Scooter hätte ihr vielleicht eine runtergehaut, wäre er nicht so beschäftigt gewesen, seine heftig blutende Wunde abzubinden. Nancys Lachen war ein verzweifelter Tribut an die Nacht, ein schmutziges Lachen, das ihre Seelen reinigte. Eines, das zu geschehen hatte, damit die Welt die Welt blieb und sie alle darin nicht den Verstand verloren.


Quelle: (Auszug aus dem Roman "Kimberly" von Patricia Brooks, erschienen 2001 in der Edition Selene)