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Christine Nöstlinger

Biographie

geboren: 13.10.1936 in: Wien verstorben: 28.06.2018
 

Schriftstellerin Christine Nöstlinger gestorben


Sie machte Schluss mit "Pädagogikpillen": In ihren Büchern ist die Welt nicht heil und harmlos, und Eltern haben nicht immer recht. Das machte die Autorin in den 1970ern zu einer Vorreiterin der neuen Kinderliteratur. Ende Juni ist sie, wie erst jetzt bekannt wurde, mit 81 Jahren verstorben Wien

Man erwartet von einer Kinderbuchautorin vieles. Frohsinn, Heiterkeit und freundliche Worte zum Beispiel. Aber nicht, dass sie kundtut: "Kinderlieb bin ich nicht speziell. Mir sind manche Kinder wahnsinnig unsympathisch" (in "Willkommen Österreich"). Oder dass sie auf die Frage, welche Kinder sie nicht möge, konkretisiert: "Schiache Kinder und solche Streberkinder" (im "Profil"). Nüchtern durchkreuzte Christine Nöstlinger das zuckerlsüße Image ihres Berufsstandes.

Sie war gerade deshalb so gut für jenen geeignet. Nöstlinger verklärte die G'schroppen nämlich nicht. Aber "menschenlieb" sei sie, erklärte die Autorin dann auch immer wieder schnell. Und weil man weder als Ungustl geboren noch mit 18 Jahren plötzlich zu so einem werde, arbeitete sie dem menschlichen Verlottern also auch an der Basis zuwider – wiewohl eher zufällig.

Es war 1966, als Nöstlinger an ihrem Küchentisch das Kinderbuch eines Freundes illustrieren sollte. Eigentlich hatte sie Malerin werden wollen, dann an der Angewandten aber Gebrauchsgrafik studiert. Inzwischen hatte sie zudem geheiratet und zwei Töchter geboren. Zufrieden war sie mit dem Hausfrauendasein aber nicht.

Statt den fremden Text zu bebildern, begann sie zu den Zeichnungen eine eigene Geschichte zu erfinden. Heraus kam ein dickes, rothaariges Mädchen, das die anderen Kinder deshalb hänseln. Es leidet sehr darunter, bis es entdeckt, dass sein Schopf Zauberkräfte hat. Erschienen ist "Die feuerrote Friederike" 1970.

Von den widerstreitenden Lagern der pädagogisch Konservativen und Progressiven wusste Nöstlinger da noch nichts. Doch es war die Zeit, zu der Kinder im öffentlichen Bewusstsein wichtig wurden – denn für die 68er-Generation waren sie die Steine zum Bau einer neuen Gesellschaft. Und schnell wurde Nöstlinger zur Galionsfigur einer neuen Kinderliteratur: aufmüpfig statt betulich, wild statt brav. Ohne Zeigefinger, was sie aber nicht morallos machte.

Illustrieren ließen die Verlage ihre Geschichten später zwar von anderen, aber 150 weitere Bücher hat Nöstlinger seitdem geschrieben. Über Gretchen Sackmeier, Rosa Riedl, den Gurkenkönig oder den Franz, die Mini, den Dani Dachs – Außenseiter, die dadurch besonders werden. Nöstlingers Helden sind frech, aber sie haben immer einen "edlen Kern", wie Nöstlinger es nannte. Denn das wollten ihre jungen Leser.

Auch für Erwachsene schrieb sie. Als "Iba de gaunz oamen Leit" erschienen etwa in den 1970ern Dialektgedichte. Denn Nöstlinger merkte, dass nicht nur in puncto Erziehung gesellschaftlich einiges schieflief. Auch dass Frauen nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen durften, stieß ihr auf. Emanzipiert sei sie aber nie gewesen, sagte sie einmal. Geheiratet habe sie selbst, weil das so gang und gäbe gewesen sei.

Bis 1998 erschienen in "Kurier", "Die ganze Woche" oder "Täglich Alles" ihre Kolumnen. Vielen waren sie zu links. Zeitweise arbeitete Nöstlinger an drei nebeneinander in ihrer Wohnung stehenden Schreibtischen für Rundfunk, Zeitungen und ihre Bücher. Wenn die Sätze nicht hinhauen wollten, rauchte sie. Viel. Das half.

Politisiert hat sie, 1936 im Wiener Arbeiterbezirk Hernals geboren, ihre Kindheit. Einerseits die Not der Kriegs- und Nachkriegszeit. Andererseits war ihre Familie politisch wach. Der Vater, ein Uhrmacher, und die Mutter, eine Erzieherin, hatten als Sozialisten unter den Nazis gelitten. Watschen hätten sie und ihre Schwester nie bekommen, so Christine Nöstlinger – als einzige in der Nachbarschaft. Trotzdem war das Verhältnis zur Mutter schwierig, zum Vater umso liebevoller. "Glück ist was für Augenblicke" heißt ihre Autobiografie.

Christine Nöstlinger bei einem Interview im Jahr 2016. Den Spruch, dass man ihre Goschen einmal extra derschlagen wird müssen, hörte sie oft von der Großmutter. Als Kind spechtelte sie gerne in fremde Fenster und hörte den Leuten auf der Straße zu. Diese Nähe zum Alltag, zur echten Welt prägt ihre Geschichten. Ehrlich mussten sie sein und durften sich nicht anbiedern. Auch in der Sprache, die manchen Eltern hie und da zu deftig war.

Als die Debatte über politische Korrektheit hochkochte, sprach Nöstlinger sich gegen das Streichen des Wortes "Neger" und stattdessen für eine Erklärung aus, warum man es heute nicht mehr verwendet. Weil sie ihnen auf Augenhöhe begegnete, traute sie Kindern mehr Vernunft zu als andere Erwachsene. Für blöd dürfe man die jungen Menschen weder halten noch verkaufen. Dass man in Texte für Erwachsene nie so "reinpfuschen" würde wie in Kinderliteratur, sah Nöstlinger als Bestätigung dafür, dass Jugendbücher für die meisten nicht mehr seien als "Pädagogikpillen, gewickelt in buntes Geschichterlpapier".

Von einer "Zivilisationshaut", die dem Menschen ab Geburt wachse, sprach die Autorin 2015 in ihrer Rede im Parlament zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen: "Versorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf." Und das könnte "zu Folgen führen, von denen es dann betreten wieder einmal heißt: Das hat doch niemand gewollt!"

Christine Nöstlinger hat diese "Zivilisationshaut" ausgiebig gepflegt. 2003 erhielt sie dafür den allerersten Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis, eine Art Nobelpreis ihres Metiers. In zig Sprachen wurden ihre Bücher übersetzt, viele verfilmt. Zuletzt die Kindheitserinnerungen "Maikäfer flieg".

Vor wenigen Wochen erklärte sie in News, nicht mehr zu schreiben. Neben dem Alter begründete sie das damit, dass sie die Lebenswelt der heutigen Kinder wegen Internet und Smartphones nicht mehr verstehe. Am 28. Juni ist Christine Nöstlinger, wie jetzt bekannt wurde, nach kurzer schwerer Krankheit im Wilhelminenspital 81-jährig gestorben. Heute, Freitag, wurde sie am Hernalser Friedhof beigesetzt.

(Michael Wurmitzer, 13.7.2018) - derstandard.at/2000083438160/Schriftstellerin-Christine-Noestlinger-gestorben

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Christine Nöstlinger wurde am 13. Oktober 1936 in Wien geboren und wuchs in Hernals, in einem Arbeitermilieu der Wiener Vorstadt auf. Nach der Matura studierte sie Gebrauchsgrafik an der Akademie für angewandte Kunst in Wien. Sie heiratete, bekam zwei Mädchen (1959 und 1961) und begann, für Tageszeitungen und Magazine zu arbeiten. 1970 schrieb und zeichnete sie ihr erstes Kinderbuch "Die feuerrote Friederike", das auf Anhieb ein Erfolg wurde. Seitdem veröffentlichte sie jedes Jahr durchschnittlich drei bis vier Bilder-, Kinder- und Jugendbücher, sie ist aber auch für Fernsehen, Radio und Zeitschriften tätig.


 

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