Menu

bka Wien Kultur

TEXTE

Text von:
Linda Achberger

Arjana & David (Auszug)

Arjanas Körper liegt im Bett wie ein Fuchs in der Höhle, in den Ohren nehmen die feinen Härchen den Luftstrom wahr, der aus dem Osten kommt. Ihr Körper ist ein Blatt eines Baumes, die Adern gebogen kommen in einer Mittellinie zusammen, über die David manchmal mit seinen Fingern, die vom Mörtel und den geschichteten Ziegeln rau sind, streicht. Auf dem Nachtkästchen das Glas Wasser, ihre Zunge erblickt die Augen der trächtigen Kuh, das rote Blinken der Anzeige des Weckers. Sie liegt seitlich in angewinkelter Haltung, ihre Kniekehlen sammeln den Geruch von David, der hinter ihr liegt, seine Körperform an ihre anpasst. „Morgens bist du am schönsten“, sagt David manchmal, „wenn dir die Dunkelheit wieder dein Gesicht zurück gibt.“ Wenn David morgens nur in der Unterhose in der Küche steht, Kaffee in der kleinen silbrigen Kanne aufsetzt und das Streichholz an die Gasflamme hält. Und der Geruch des Gases, der sie an früher erinnert, als die Soldaten in die Häuser kamen und in den Kellern die Gashähne aufdrehten. Die Kerzen brannten in den Dachböden, die bläuliche Flamme am Gasherd, das Brodeln, an dem sie hört, dass der Kaffee bald bis zum oberen Ende der Kanne angestiegen war. Arjana kann Davids Atem in ihrem Nacken spüren, die feinen Härchen bewegen sich, Davids Oberschenkel sind wie die dicken Stämme der Fichten in Priština, die man am Hackklotz für den kommenden Winter hackt. Arjanas dunkle Locken liegen um ihren Kopf, auf den Haarsträhnen fädeln sich die Gedanken auf, die vom Ostwind aus ihrem Kopf geblasen werden. Vor dem Fenster stehen eingeknickt die Skelette der Bäume, die Gliedmaßen ein Xylophon, sie schlägt mit ihren halbmondförmigen Fingernägeln auf die Äste, die Zweige der Baumkrone geben die hellsten Töne.

(aus: „Arjana & David“; Literaturpreis des Bezirks Schwaben 2015; Wißner-Verlag, Augsburg, 2015)