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bka Wien Kultur

TEXTE

Text von:
Angelika Stallhofer

Der Kohlweißling (Auszug)

Wir saßen auf der Chaiselongue, dem Chamäleon unter all den Möbeln, die wir gemeinsam bewohnten. Das Halblicht bedeckte deine blassroten Wangen, löschte die Anspannung aus deinen feinen Zügen. Du trugst ein dunkles Haarnetz, an Nachmittagen wie diesen, und eine Strähne kräuselte dir in die Stirn, eine, die sich nie einordnen ließ; licht tanzte sie aus der Reihe. Wir verbrachten eine Stunde in diesem nur uns vertrauten, uns zugänglichen Land, das sich wie ein Tier in unserer Wohnung verbarg, sich karg machte für den uneingeweihten Blick und doch einmal Tier war und dann wieder Land, ein Kippbild für uns, die wir sein Wesen lächelnd erkannten. Ich neckte dich, weil du mir makellos schienst, dann sank ich zurück ins Dunkel, um dich gewissenlos zu betrachten.
Ich weiß nicht, wann es begonnen hat, doch einmal muss es begonnen haben, dass ich glaubte, dich nicht mehr zu lieben, dass ich glaubte, verrückt zu werden durch dich, dass ich annahm, was andere vor mir angenommen hatten – ich fing an, mich zu ängstigen, vor dir und vor deiner Bewunderung für jene Frau, deren Geist immer steter unsere Wände durchdrang; ich hörte nicht, was du von ihr erzähltest, ich schloss die Fenster, verriegelte bei Tageshelle die Tür, Schweiß trieb mir aus der Haut, ich dachte Spott in deinen Augen zu sehen, richteten sie sich auf mich, so kehrten sie sich gegen mich, richteten mich und da richtete ich dich.
Ich habe dir die Füße gewärmt, deine Füße waren immer kalt, Füße wie Hände, manchmal hast du mich angefasst und mich durchfuhr ein Schauer. Auch die Worte, kalt, Wärmeleitung in inhomogenen Körpern, hast du zu mir gesagt und mich dann fortgestoßen, 1906, Wärmeleitung in inhomogenen Körpern, ich wusste nicht, woher du das hattest, dass du immer klüger sein wolltest als ich, als alle Männer, die dir begegneten, dass du mit Querverweisen um dich warfst, auf dass der Unwissende es nicht vermochte, sich auf die Schulter zu klopfen, leise wie der Zweifel und mit der Leichtigkeit des Zitronenfalters, denn da machte ich ein Tier aus dir, ein schwebendes helles Wesen, damit es nicht so schwer wog; in der Farbe meiner Bitterkeit vertierlichte ich dich – und heulte mit den Wölfen.
Ich hatte wenig Ahnung von Biologie, ich wusste noch weniger über Physik, das sei doch nichts Neues, gestikulierte ich plötzlich wie wild, wich den Gesprächen aus, ließ deine Worte hinter meinem Rücken verhallen. Ich sagte zu dir, dass ich gerne einmal Traumproben entnehmen würde, Phiolen voll kleinster Traumsubstanzen, ich wolle wissen – nein, es sei meine Aufgabe, in die Menschen zu schauen, die seltenen Gedanken nach draußen zu retten, jene, die halb erfunden und darum nur noch wahrer sein mussten; das Erdachte, das den Kern verbarg und doch zu nichts anderem als zu ihm hinführte, wenn man nur aufmerksam lesend die Schichten durchbrach, nur dies könne die Aufgabe eines Schriftstellers sein, daran hegte ich niemals Zweifel. Ich tat es und bemüßigte mich nicht, ich liebte meine Sprache und meine Sprache liebte mich, niemand stellte unsere Verbindung in Abrede. Und drückte ich jene Liebe gelegentlich doch aus, so nannte man sie Fleiß; in den Augen der Männer, die mich umgaben, war jeder meiner Gedanken Arbeit.

Erschienen in der Anthologie „übergrenzen“, Septime Verlag, 2015