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VERSTORBENE MITGLIEDER

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Heidi Pataki

Biographie

geboren: 02.11.1940 in: Wien verstorben: 25.04.2006
 

Von 1991 bis 2006 Präsidentin der Grazer Autorenversammlung.

"das seziermesser sind die fragen: fragend falle ich der stimme des volks ins wort. was allen bekannt ist - jetzt ist es nicht mehr wiederzuerkennen. der zweifel am allgemeinen? das allgemeine verschluckt den zweifel! das kollektiv bleibt sieger über das individuum." (Heidi Pataki "stille post", edition neue texte, linz 1978)

In großer Trauer nehmen wir Abschied von unserer Kollegin und Freundin Heidi Pataki, die am 25.4.2006, ohne jemanden zuvor von ihrer schweren Erkrankung zu informieren, ganz plötzlich und ohne Möglichkeit für ihre Freunde, sich darauf vorzubereiten, verstorben ist.

Heidi Pataki hat in Wien Publizistik und Kunstgeschichte studiert, sie war von 1970-1980 Redakteurin der Monatszeitschrift "Neues Forum" und danach, von 1981-1983, Redakteurin der Wiener "FilmSchrift". Sie hat 1970 den "Arbeitskreis österreichischer Literaturproduzenten" mitbegründet, dem sie bis 1973 angehört hat, und war danach Gründungsmitglied der Grazer Autorenversammlung. Sie hat als Lyrikerin gearbeitet, als Essayistin und war lange Jahre Mitarbeiterin beim Österreichischen Rundfunk in der Abteilung "Kulturelles Wort". Mitgearbeitet hat sie weiters bei der "Presse", beim "Jüdischen Echo", beim Hessischen Rundfunk und beim Sender Freies Berlin. Sie ist seit 1991 der Grazer Autorenversammlung als Präsidentin vorgestanden, war Mitglied der IG Autorinnen Autoren und im Vorstand der "Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur" tätig und somit dem Literaturhaus in Wien eng verbunden. Überdies hat sie auch der Wiener Simone de Beauvoir-Gesellschaft angehört.

Ihre wichtigsten Einzelpublikationen sind: Schlagzeilen. Gedichte, Suhrkamp 1968, Fluchtmodelle. Zur Emanzipation der Frau. Essays, Edition Literaturproduzenten 1972, Stille Post. Gedichte, edition neue texte 1978, Frühlings Wachen und andere Gedichte, Edition Galerie 1981, Kurze Pause. Gedichte, herbstpresse 1993, guter ruf / die hl. familie. Gedichte und gezeichnete Anagramme, herbstpresse 1994, Amok und Koma. Gedichte aus dreißig Jahren, Otto Müller 1999, Contrapost. Über Sprache, Kunst und Eros, Otto Müller 2001. Gelegentlich hat sie auch übersetzt, wie aus dem Serbokroatischen Miladin Zivotic: Proletarischer Humanismus. Studium über Mensch, Wert und Freiheit, Carl Hanser 1972.

Heidi Pataki, ihr Engagement, ihr Widerspruch, ihre Deutlichkeit, ihre Scharfkantigkeit und die Klarheit ihrer essayistischen Überlegungen werden uns sehr fehlen. Fehlen wird uns auch ihr Einsatz für die Lyrik, wie er u.a. in der Organisation der Lyrik-im-März-Veranstaltungen der Grazer Autorenversammlung zum Ausdruck gekommen ist, und in der heurigen Veranstaltung, die sie unter dem Motto "Schwanenhals und Luderloch", zwei Namen für Jagdfallen, zusammengestellt hat.

"Heidi Pataki ist eine der größten Lyrikerinnen im deutschsprachigen Raum, in der Sprachgenauigkeit und ihrem Witz von Karl Kraus geprägt und vom Kabarett, ähnlich wie die Wiener Schule, nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Tief-Weibliches wahrzunehmen und wachzuhalten versteht, ohne sprachverliebtes Herumgescherze... Eine zutiefst weibliche Intellektuelle, gesegnet mit der Fähigkeit, poetologische Theorie in der Praxis zu vitalisieren." (Julian Schutting)

Daß sie ihre Krankheit für sich behalten hat, spricht für ihre große Charakterstärke, denn natürlich wußte sie längst über ihren dramatischen Gesundheitszustand Bescheid, als sie mit uns noch über unsere häufigen Zusammentreffen bei Kollegen-Begräbnissen und unsere Vergleiche zwischen den Begräbnissen witzelte. Ihr entschiedenes Eintreten für die Sache der Literatur und insbesondere die der Lyrik wird wohl kaum zu ersetzen sein, es kann aber als ganz besonderes Beispiel dafür dienen, wie Leben und Literatur und Literatur und Engagement für Autoren und Literatur vereinbar sind. Heidi Pataki war nicht nur die aktuelle Präsidentin der Grazer Autorenversammlung, sie war auch ihre längstdienende.

"Die Zeitalter des Gedichts gehen zu Ende; kaum einer versteht mehr was von Lyrik; sie ist eine aussterbende literarische Gattung: Dieses Unterfutter von Schmerz muß allen Gedichten zugrunde liegen, die heute geschrieben werden. Das muß der treibende Motor fürs Gedichteschreiben sein (oder es schreibt sie ein Dummkopf)." (Heidi Pataki "Contrapost. Über Sprache, Kunst und Eros.", Otto Müller Verlag, Salzburg 2001)

Ihr explosives Auftreten wechselte mit einer überraschenden Einfühlsamkeit. Auf die Spitze trieb sie diese Könnerschaft, trug sie eines ihrer Gedichte oder einen ihrer Essays vor, wie z.B. den zum Tod von Klaus Kinski, ein ebenso kurzes wie einfühlsames beispielloses Zeugnis von der Kultur der Mängel der 50er Jahre bei einem ihrer Auftritte im Literaturhaus in Wien.

Dabei war ihr Auftreten stets unspektakulär, sie hat sich nicht in den Vordergrund gespielt, aber: Gingen die emotionalen Wogen hoch, hat sie es wie keine zweite verstanden, mit wenigen Sätzen den Grund der Aufregung zusammenzufassen und zu einer klaren Lösung zu kommen. Sie konnte es einfach: integrierend wirken. Sie wird uns sehr fehlen.

Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren
Christine Huber, Gerhard Jaschke, Magdalena Knapp-Menzel
Grazer Autorinnen Autorenversammlung

Wien, 27.4.2006


 

Publikationen

  • Contrapost
        
    Über Sprache, Kunst und Eros
    Essays

    Verlag: Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien 2001
    ISBN: 3-7013-1028-9

  • Amok und Koma
        
    Gedichte
    Lyrik

    Verlag: Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien 1999
    ISBN: 3-7013-1008-4

  • Autodafé
        
    Gedichte (italienisch-deutsch)
    Lyrik

    Verlag: Euroeditor, Luxemburg 1997
    ISBN: 2-919886-01-0
           
  • Guter Ruf / die hl. Familie
        
    Gedichte und gezeichnete Anagramme
    Lyrik

    Verlag: Herbstpresse, Wien 1994
    ISBN: 3-900476-03-8
       
  • Kurze Pause
        

    Ein Gedichtzyklus mit Zeichnungen von Gerhard Jaschke
    Lyrik

    Verlag: Herbstpresse, Wien 1993
    ISBN: 3-900476-65-2

 
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