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Hans Trummer

Biographie

geboren: 17.05.1947
verstorben: 20.08.2007
 

Für Hans Trummer

„Eines Anderen Nachruf“,

einen anderen, einen Nachruf auf einen Anderen, könnte ich vielleicht versuchen zu verfassen, falls die eigene Verfassung dies noch zuläßt –
aufgrund der Lektüre des letzterschienenen Buches von Hans Trummer: „DIE ERZÄHLUNG EINES ANDEREN“...

Ich sitze im Zug von Innsbruck nach Wien, träume vor mich hin, träume mich durch die aufgehäuften Schneewächten, erinnere mich an die Lesung von Hans Trummer am 15.2.2007 im kleinsten Antiquariat Wiens am Schubertring bei Peter Matejka, erfreue mich im Geiste sogleich an der Neuauflage des kleinen Mirkos, des Mami-Romans der beiden, die als österreichisches Wunderduo der Literatur der 70er Jahre Eingang in mein Gedächtnis gehalten, dort diesen Platz eingenommen haben.

Hans Trummer, wie bekannt 1947 in der Steiermark (Bruck an der Mur) geboren, mit 21 Debütant in den „manuskripten“, der mit seinen bei Hoffmann & Campe erschienenen Büchern Meilensteine, Maßstäbe gesetzt hat – was ließe sich nicht alles über seine Person, sein Werk sagen?
Anderen sei es vorbehalten, das ganz und gar Unverwechsel-
bare, Herausragende, seiner Prosa herauszuarbeiten; was ich hier zu leisten möglicherweise imstande bin, kann nur etwas Anderes sein: Das zum Ausdruck Kommen einer persönlichen Wertschätzung.
Anhand von ein paar wenigen Sätzen, die sich aber tief in mich eingegraben haben, die in mir weiterarbeiten, mich nicht so einfach ruhen, zu anderem Tagewerk übergehen lassen, falls ich das sagen darf.

Hans Trummers letztes Werk enthält ein Resümee, ein Innehal-
ten, ein Ausrichten an Möglichkeiten: Das Erinnern seiner Mutter, der Tod seines Vaters, Einschnitte in ein Leben, das mit Härten umzugehen, sich auf diese einzustellen weiß.
Es sind diese kurzen Betrachtungen, Stenogramme einer als wahr und veränderbar erkannten Wirklichkeit, die in knappen Sätzen Unauslöschliches für mich festhalten.
Eine Einladung zum Verweilen und Schauen, Zeit vergehen zu lassen, enthält bereits der Anfang dieser vielschichtigen Erzählung, die gegen die Schnellebigkeit, das Dahingetze der Zeitgeistigen gerichtet ist. Eine Gelassenheit macht sich da breit, die einfach wohl tut, selbst dem Tod wird aller Schrecken genommen; keine Angst mehr haben zu müssen, vor wem oder was auch immer, das kann unter „Erhellung der Wahrheit“, wie es da an einer Stelle heißt, gereiht werden. Unter „völlige Gleichgültigkeit“ allen Schrecknissen gegenüber aber detto, und das sehe ich als das Befreiende an.

Hans Trummer verstand es geradezu meisterlich, aus dem akribisch zusammengetragenem Material – wie bereits in seinen Reportagen, Features, Hör- und Fernsehspielen („Proletenliebe“) – Wortfolgen herauszufiltern, die andere Autoren in seitenlangen Elaboraten gewiß nie zustandebringen.
Ein Satz wie „Ich wurde jeden Morgen mit Sicherheitsnadeln für den Existenzkampf präpariert.“ liefert sogleich ein nicht so leicht zu vergessendes Bild einer ziemlichen Erdenschwere, Verhaftetsein ins Hier und Jetzt.
Nichtsdestotrotz ist da eine unbeschreibliche Leichtigkeit, Zartheit, Zärtlichkeit; Traumnotate geraten zu handfesten realen Gegenwelten, begehbaren Wegen in eine scheinbar lebbare Zukunft – und Düfte, wie der des frischgebackenen Brotes, nehmen viel Platz ein.

Der Ich-Erzähler, der bekennt, „nie wirklich Teil einer Gemeinschaft“ gewesen zu sein, wird da urplötzlich zu einem Vertrauten, Verbündeten.
Und auf einmal scheint einem doch recht vieles rundum irreal, wie imaginiert – da ist man auch schon wieder in Trummers Buch, in dem auf Seite 81 die Zeilen stehen: „Wie in einem Nebel. Alles komme ihr so unwirklich vor. So unwahrscheinlich. Als sei es nicht SIE gewesen, die das alles erlebt habe. Wie ein Traum erscheine ihr ihr zurückliegendes Leben. Oder wie DIE ERZÄHLUNG EINES ANDEREN. Und doch: Es MÜSSE wohl so gewesen sein.“

Nicht viel anders als der Mutter des Erzählers ergeht es nun mir, der von Peter Matejka erfahren hat, daß Hans Trummer am 20. August plötzlich und völlig unerwartet ...
Sein Roman, der den elfjährigen Aufenthalt im Senegal zum Inhalt haben sollte, bleibt somit ungeschrieben, tausende Fotos, Notizen ...
„Hast Du Hans Trummer gekannt?“, fragt mich der befreundete Kardiologe Heinz Weber, und setzt sogleich hinzu: „Er ist bei uns gestorben.“
Habe ich ihn gekannt?
Die Zeit – ein dahinziehender Bilderfluß.
Ein reißender Strom.

Was sagt Trummer?
„Das Gefühl, als hole mich das bereits hinter mir Gewesene wieder ein; als ÜBERHOLE es mich.“

Dieses läßt auch mich nicht los, ist mir steter Begleiter.
Ich sehe Hans Trummer in seine Augen, vergleiche Porträtfotos von ihm, blättere mich durch Nachschlagewerke, suche Informationen wie Anhaltspunkte – und kehre zurück zu seinem Werk, seinen Sätzen, möchte mich mit dem Verfasser dieser zusammensetzen – auf ein Glas Wein oder zwei, wie man so schön sagt, Erfahrungen austauschen, ein Wort mehr von Belang wechseln, Wesentliches unternehmen.

Wir hätten Freunde werden können, nun verbleibt aber alles im Konjuntiv, wie so vieles. Es hätte dies und jenes geschehen müssen. Im Nachhinein ist jeder um einiges klüger, zumindest beredter.

Wie schriebst Du doch so eindringlich:
„Es hat mir, im Traum, äußerste Mühsal bereitet, einen Schritt vor den anderen zu setzen.“

Träume oder wache ich?


Gerhard Jaschke, 12.-14.11.2007


 

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