MITGLIEDER
Text von:Anna Fercher
Quecksilber
Erst warfen sie mit Brotkrumen, trafen die Enten am Gefieder, zielten immer höher, immer fester warfen sie, bis ein Stück Rinde den Kopf des Tieres streifte … und Emma weinte.
Ist ja nur Spaß.
Als das Brot zur Neige ging, fing einer an, Holz zu werfen; bald warfen sie alle, ins Wasser, den Kröten hinterher, die panisch die Flucht ergriffen, hinaus aus dem Teich, wo sie sie bereits mit Keschern erwarteten, einfingen, um sie im Schwimmbecken zu ertränken … und Emma weinte.
Ist ja nur Spaß.
Dann warfen sie mit Steinen, als das Holz zu launisch wurde, nicht weit genug fliegen, nicht hart genug schlagen wollte; wieder den Enten hinterher, am Fluss entlanglaufend, keine Rücksicht auf kleine Beine. Werfen, treffen, versenken … und Emma weinte.
Ist ja nur Spaß.
Erst als der letzte Stock gebrochen, der letzte Stein geworfen war, schlugen sie mit dem Wasser zu. Am Ufer kniend, die Hände zu Schüsseln geformt, trieben sie Flutwellen gegen die Küken, die sich abmühten, den Eltern hinterherzukommen, sie nicht aus den Augen zu verlieren … und Emma weinte.
Ist ja nur Spaß.
Sie füllten gar Kübel, ließen den Inhalt auf Wasserläufer niederprasseln, die dem Druck nicht standhalten konnten, untertauchten, zappelnd um ihr Leben rangen, sich machtlos im Kreis drehend, während der Strom von oben nicht versiegte … und Emma weinte.
Ist ja nur Spaß.
Den Igel, im Kübel gefangen, schleiften sie eilig zum Fluss, auf die Brücke, stellten sich aufs Geländer, drehten den Elenden im Kreis, schneller, immer schneller, die stachlige Kugel rührte sich nicht; kein Entkommen, als der Boden zum Himmel wurde, das Tier platschend in die Fluten stürzte … und Emma weinte.
Ist ja nur Spaß.
Erst als ihre Macht zu allumfassend, die Sache viel zu einfach geworden war, holten sie das Nachbarskind hinzu, das zeternd laut sich wehrte, als sie es untertauchten, wieder und wieder im unschuldigen Spiel, Köpfchen unters Wasser, länger, immer länger, wieder hinaus, keine Zeit zum Atmen … und Emma weinte.
Ist ja nur Spaß.
Als Emma fortlaufen wollte, einfach fort, da war es bereits zu spät, da fiel sie, von hinten gestoßen, keine Zeit zurückzuschauen, vom Steg hinab, verschmolz mit den Wellen, in Sekundenschnelle verschwunden, mitgerissen, kein Aufblitzen eines hellen Haarschopfs, keine hilfesuchende Hand … und kein Mädchen, das weinte.
Ist ja nur …
Erst hatten sie mit Brotkrumen geworfen, um Enten zu füttern. Nun kamen die Enten nicht mehr. Nur Spaß, hatten sie gesagt, predigten es jetzt dem Wasser, das wie Quecksilber an ihnen vorbeifloss, den kleinen Körper nicht mehr freigab, der sich nicht gewehrt, nicht gewusst hatte, dass er in Gefahr gewesen war.
… nur Spaß.
Quelle: In den Schatten unter der Brücke. Kurze und lyrische Prosa, Wien 2024.

