MITGLIEDER
Text von:René Gröger
Youngtimer
Der V8-Motor schnurrte nicht mehr wie ein Kätzchen, sondern fauchte, brüllte dann markerschütternd wie ein zum Angriff bereiter Löwe. Die Tachonadel der schwarzen Corvette schnellte nach rechts, als ich das Gaspedal tiefer drückte. Ich grinste zu Ramon hinüber, den es bei dem Tempo heftig in den Beifahrersitz drückte. Wild wirbelte mein blondes, langes Haar durch die Luft. Ramon hatte nicht übertrieben, als er mich vor den Pferdestärken gewarnt hatte. Spielbälle der Fliehkraft. Nichts anderes waren wir jetzt. Wahnsinn!
Der Highway gehörte uns: Weit und breit fuhr niemand auf der Route 66, eine graue Schneise, die die Wüste Arizonas bis zum Horizont durchzog. Die Landschaft aus roten Felsen und Tumbleweed war in goldenes Licht getaucht. Auf dem makellosen Lack des Cabriolets tanzte die Morgensonne, die schon jetzt kräftig auf uns niederbrannte. Seit dem Sandsturm in New Mexico lag eine Staubschicht auf der Motorhaube. In unserem Schleudergang ersetzte nun der Fahrtwind das Poliertuch und fegte jedes Körnchen von der Karre.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Ramon mit gespielter Skepsis eine Augenbraue hochzog. Also gab ich noch mehr Gas und holte alles aus dem Schlitten raus. Die finale 62er-Baureihe der C1 hatte es wirklich in sich. Wie Moleküle im Teilchenbeschleuniger schossen wir über den Asphalt, berauscht vom Speed. Ramon drehte das Autoradio bis zum Anschlag auf. John, Paul, George und Ringo begleiteten jetzt das basslastige Wummern aus dem Hubraum.
Baby, you can drive my car!
So fühlte sich also das Leben an, wenn man jung war, jung und frei wie wir.
Yes, I'm gonna be a Star!
Ich trällerte lauthals mit und trommelte im Takt auf das Lenkrad.
Tock. Tock. Tock.
Tock! Tock! Tock!
Ich drehe meinen Kopf zur Tür. Ein junger Mann in weißem Kittel lächelt durch den Spalt ins Zimmer hinein.
"Sie und Ihre Oldtimer", sagt er freundlich und zwinkert mir zu.
"Es ist Zeit für den Boxenstopp, junge Dame. Das Abendessen steht schon bereit."
Verwirrt sitze ich da. Mein Blick wandert langsam vom Mann zum schwarzen Cabrio in meinen zittrigen Händen. Ich brauche einen Augenblick, um zu begreifen, wo ich überhaupt bin. Und wann.Mit einem Finger wische ich den Staub von der zerschrammten Motorhaube und stelle das Modell der Corvette zurück ins Regal.
I got no car and it's breaking my heart.
Die Kassette leiert im Rekorder. Ich streiche mir eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Pfleger steht plötzlich neben mir. "Ramon" steht auf seinem Namensschild.
But I've found a driver and that's a start! Beep beep'm beep –
Er drückt die Stopptaste. Plötzlich ist es still im Zimmer. Ramon tritt hinter mich und umfasst die Griffe meines Rollstuhls.
"Bitte anschnallen. Die Karre hat richtig viel PS. Da fliegt Ihnen das Blech weg."
Ich lache, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht, weil er so nett schaut. Er dürfte mich bis ans Ende der Welt rollen. Jetzt will er aber erst einmal mit mir zu den anderen Bewohnern in den Speisesaal.
Quelle: „Garantiert geiler als dein Leben“, Erzählband, 2024, story.one

