MITGLIEDER
Text von:Christiane Hammer
Der Blaumacher
Den Salat aß Friedrich immer am Schluss, tunkte genüsslich Brotbrocken in die mostige Marinade. Mit dem letzten Stück wischte er die Schüssel aus, genau darauf bedacht, auch noch den letzten Kernölrest, der sich am oberen Rand verbergen wollte, zu erfassen, um dann mit diesem ölsauren Bissen seine Mahlzeit zu beenden.
Friedrich war Blaudrucker und sein Tag war gut, wenn die Salatschüssel sauber und der Hof voller zum Trocknen aufgehängter Stoffbahnen war.
Blaudrucker sind eigentlich Blaufärber, was sie auf den Stoff drucken, hat keine Farbe. Doch wird der Stoff in Indigo gebadet und danach dem Licht ausgesetzt, so färbt er sich Blau und nur das Druckmuster bleibt auf geheimnisvolle Weise weiß. Sogar das Bunt der Blaudrucker ist Blau, zartes Veilchenblau, milchiges Blassblau. Kräftig wird das reine Indigo erst nach vielen Tauchgängen, je weniger Farbbäder, desto heller und bescheidener die Farbe. Und so steht auf dem Schild vor dem Zaun von Friedrichs Haus: „Friedrich Kron: Der Blaumacher“.
Friedrich stellte gerade die Salatschüssel in das Spülbecken, als die Glocke seines Ladens klimperte. Er fuhr sich mit dem Zipfel seiner blauen Arbeitsschürze über den Mund, „So spät, einmal könnt doch eine Ruh sein“ brummend. Es läutete zum zweiten Mal. Friedrich zögerte, rieb sich den Rücken, dann ging er aber doch zur Hintertür und in den Hof hinaus, wo sich am äußersten Ende sein Laden befand. Er schlüpfte an den aufgehängten Stoffen vorbei und umrundete ein brennesselbesetztes Blumenbeet. Eine Frau stand breitbeinig, eine Hand in die Hüfte gestemmt, vor der Ladentür und war gerade im Begriff, ein weiteres Mal an der Glockenschnur zu zerren. „Lassen` Sie das, ich sperr schon auf“ Wie zum Beweis hielt ihr Friedrich den Schlüssel entgegen und drängte sich dann an ihr vorbei, um aufzuschließen.
Erst da schien die Frau den Zettel an der Tür entdeckt zu haben „Geöffnet Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung“, denn sie sah auf ihre Armbanduhr: „Umgottesentschuldigensieichhabgedachtsiesindnochlängerunddabeiissesjetztschonnachhalbsiebendastutmiraberleiddas…“ Friedrich musste sie stoppen: „Jetzt kommen Sie schon rein, früher wird’s auch nimmer, wenn Sie da draußen Wurzeln schlagen.“ Er streckte ihr kurz die Hand hin mit der blauverfärbten Handfläche und zog sie gleich wieder zurück: „Die Hand gebe ich Ihnen lieber nicht, sie wollen das Blau sicher nur auf einem Stoff mitnehmen“
Der Laden war nicht groß, aber voll, jede Wand, jede Ecke genutzt. Hohe Regale und darin Stoffballen und akkurat Zusammengefaltetes, Schubladen voller Tücher, Krawatten und Kleinkram. An Haken und Knöpfen hingen Kappen, Dirndlkleider, Blusen. Ein Miniversum ganz in Blau und darauf Fantasien in Weiß.
„Kann ich mich umsehen?“, fragte die Frau und sah sich dabei um. Zog an Stoffenden, bis ein Ballen aus dem Regal fiel und auf das schmale Stück Boden zwischen Ladentisch und Schrank rutschte. Entfaltete Tücher und Servietten, beäugte blaugedruckten Krimskrams, setzte sich eine der Kappen auf.
Friedrich blieb wenige Schritte hinter ihr, bei der Enge des Ladens blieb ihm kaum anderes übrig, und hob auf, faltete zurück, legte zusammen, was sie durcheinandergeworfen hatte. „Suchen Sie etwas Bestimmtes? Einen einfachen Stoff oder den doppelseitig bedruckten? Ein Geschenk?“
Sie hielt inne, ein dreieckiges Kopftuch in der Hand haltend, als wolle sie sein Gewicht ermessen. „Reine Seide, biologisch, sehr hochwertig, ein schönes Stück“, versuchte sich der Blaudrucker in Anpreisung.
„Hmmh“, sagte die Frau, und noch einmal „Hmmh“. Dann steuerte sie erneut die Regale mit den Stoffen an, doch Friedrich verstellte ihr geschickt den Zugang. „Ich kann gerne etwas für Sie rauslegen, wenn Sie mir sagen, was Sie sich ungefähr vorstellen. Eher dunkler, doppelseitig, kleinere oder größere Muster, Baumwolle, Leinen?“
Sie stellte sich vor den Ladentisch, stemmte sich mit beiden Händen nach vor und kam ihm dabei mit ihrem breiten Gesicht immer näher, sie roch nach Kernseife, aber dennoch nicht frisch.
„Hätten Sie vielleicht einen Whisky für mich?“

