MITGLIEDER
Text von:Christiane Hammer
Amerika, wir kommen!
Es ist der 3.Mai und eigentlich sollte ich jetzt in dem Flieger sein, der über mir seine Kondenskringel in den Himmel zeichnet. Auf dem Sitz neben mir Josh, ständig hin-und herwetzend, weil er schon bald nach dem Abflug die Ankunft in New York nicht erwarten kann.
Stattdessen verteile ich den Kompost auf die Hochbeete in unserer Siedlung und sehe den Rüben beim Wachsen zu. Der Kompost freilich hats in sich, doch ich greife vor.
Schon als 15-Jährige hatten Josh und ich uns ausgemalt, wie wir auf dem Empire State Building stehen und unsere Kaugummis auf Big Apple runterspucken würden. Easy Rider wollten wir sein, nur noch cooler. Und in Hollywood, das war klar, würden wir Sterne mit unseren Namen hinterlassen, auch wenn sie nur aus Kreide aufgemalt waren. Doch immer, wenn es an den Kassasturz ging, holte uns die Realität bitter auf den Boden zurück und es reichte nicht einmal für die Flugtickets.
Bis Josh von einem Wochenendtrip im Burgenland zurückkehrte und mit dem euphorischen Ruf „Amerika, wir kommen!“ einen kompakten Pappkarton auf den Tisch stellte. Mit großer Geste klappte er ihn auf und deutete auf den Inhalt: „Voilà! Du kannst schon mit den Reisevorbereitungen beginnen.“
In der Schachtel standen gut 20 Pflänzchen in kleinen Plastiktöpfen und ließen ihre gezahnten Blättchen hängen.
„Willst du mich verarschen mit dem Unkraut?“
„Lass das Un weg und du liegst richtig. Feinstes Kraut, Topqualität. Und alle weiblich, unter Garantie. Wir growen und danach hält uns nichts mehr auf!“
Ich war so geschockt, dass ich erst einmal kein Wort rausbekam. Kein Zweifel, Josh, mein ältester und vertrautester Freund, hatte den Verstand verloren. Wohl unter dem Einfluss irgendwelcher Substanzen. Ich hätte ihn nicht allein auf diesen Bauernhof fahren lassen sollen.
„Wusstest du,“, sagte Josh mit Triumph in der Stimme, „dass diese Pflanzen im Freien praktisch von allein wachsen, total easy.“
„Super! Grasplantage im Vorgarten. Klingt gut.“
Josh blieb gelassen und spielte seinen letzten Trumpf aus: „Der Typ, von dem ich die Pflanzen habe, nimmt uns die fertige Ware zu einem Fixpreis ab. Wir müssen nur ein paar Regeln beachten“, mit diesen Worten zog er eine Broschüre aus der Tasche und wedelte damit vor meinem Gesicht herum.
Dann nannte er den Fixpreis. Und ohne hier auf Details eingehen zu wollen, die Summe überzeugte mich. Es war so viel, dass sich vier Wochen USA von Ost nach West inklusive Kaugummi und Straßenkreiden locker ausgingen. Josh war zwar verrückt, aber sein Verstand funktionierte tadellos.
Natürlich bepflanzten wir nicht den Vorgarten, sondern fanden eine entlegene und doch sonnige Mulde hinter der verlassenen Wochenendhütte von Joshs Oma. Viel war wirklich nicht zu tun, man konnte den prächtigen Stauden beim Wuchern zusehen. Schon bald zeigte sich, es stimmte: Alle Pflänzchen waren kostbare „Weibchen“. Ihre feinen weißen Samenhärchen glänzten in der Sonne wie ein Silberdollar.
Auch für den Ort zum Trocknen fand sich eine perfekte Lösung, nachdem ich entdeckt hatte, dass man über eine wacklige Hühnerleiter vom Dachboden unseres alten Mehrparteienhauses in den Dachfirst klettern konnte. Zwei Tage lang entfernten Josh und ich Taubendreck und spannten Schnüre. Dann war unser Trockenraum bereit.
In der letzten Septemberwoche konnten wir ernten. Die Ernte fiel mehr als üppig aus. Vier riesige Müllsäcke füllten wir prallvoll mit Blütenrispen. Spätabends schlich ich mich mit meiner kostbaren Fracht zum Hintereingang unseres Hauses, als mich plötzlich ein gleißender Lichtstrahl blendete, sodass ich vor Schreck fast die Säcke hätte fallen lassen.
„Wohin wollen Sie mit dem Müll?“ Es war die sich vor Zorn überschlagende Stimme unserer Hausmeisterin.
„Frau Pollack, schalten Sie doch die Lampe aus. Das tut in den Augen weh!“
„Niko? Du bist das, du stopfst heimlich in der Nacht den ganzen Sperrmüll in die Tonnen? Von dir hätte ich mir das nicht gedacht!“
„Frau Pollak, das tu ich auch nicht. Es ist nicht, wonach es aussieht.“
„Und was ist es dann?“
„Äh, Füllmaterial für meine Mutter. Für ihre Pölster.“
„Füllmaterial? Dass ich nicht lache. Du hältst mich wohl für komplett gaga?“ Und damit riss sie, diese kleine zähe Frau, mir einfach einen Sack aus der Hand, löste mit flinken Fingern die Schnur und öffnete ihn. „Pfui, das stinkt!“, rief sie und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. „Aber das ist ja Grünschnitt. In den anderen Säcken auch?“
„Frau Pollak, bitte, meine Mutter...“
„Du willst also den Grünschnitt in den Restmüll werfen? Vier Säcke voll. Das könnte dir so passen!“
Mein Versuch, ihr den Sack zu entreißen und damit zu flüchten, scheiterte an der Stablampe, mit der sie mir schmerzhaft auf die Finger schlug.
„Hiergeblieben. Du gibst mir jetzt die Säcke, alle vier und dann gehen wir gemeinsam da runter zum Kompostplatz und du leerst sie vor meinen Augen dorthin, wo sie hingehören.“
„Das werde ich nicht tun, Frau Pollak. Es ist Nacht und ich…“
Wieder traf mich die Stablampe, diesmal neben dem rechten Ohr. Frau Pollak kannte keine Gnade.
„Was glaubst du, warum wir da unten einen Kompostplatz haben? Damit so ein bequemes Bürscherl wie du weiterhin das ganze Grünzeug säckeweise in den Restmüll schmeißt? Oh nein. Nächstes Jahr, wenn die Hochbeete hier aufgestellt sind, haben wir unseren eigenen Kompost, darauf kannst du Gift nehmen.“
Und dann führte sie mich ab wie einen Delinquenten in einer zweitklassigem amerikanischen Detektivserie.
Beim Kompostplatz angekommen, blieb sie neben mir stehen und sah zu, wie ich tausende von Euro und damit unseren amerikanischen Traum zwischen verrottetem Gemüse und Erdäpfelschalen versenkte. Dann drückte sie mir eine Mistgabel in die Hand und zwang mich, das schwindelerregend riechende Kraut tief in den vorhandenen Haufen einzuarbeiten.
Heuer wollen es Josh und ich nochmals versuchen. Für den Transport werden wir eine Lösung finden, vielleicht Polsterbezüge? Bis dahin warte ich gespannt, was die mit Spezialkompost gedüngten Rüben können.
Veröffentlicht in „&Radieschen“ (Wien) 3-2

