MITGLIEDER
Text von:Christiane Hammer
Dexo* oder die Flucht aus der Kinngrube
Eine Fabel
Geschrei, Gestank, Gestöhn. Fette Larven und Protonymphen, die mich anglotzen. Nie ungestört in der Kinngrube. Genug zu essen ist mir zu wenig. Eines Tages zerplatzt meine Mutter vor meinen Augen, ich kann nichts mehr für sie tun. Ich muss hier raus, am besten noch heute.
Ich kämpfe mich an den Rand der Kinngrube. Du wirst schon sehen, schreien meine Geschwister und nennen mich einen Verräter. Und ich sehe: struppiges Gras. Tageslicht, das mich blendet. Ich genieße es. Die Luft ist frisch, der Mief der Kinngrube liegt hinter mir.
Unterwegs treffe ich Artgenossen, die freundlich grüßen, doch reserviert bleiben. Ein alter Milb teilt sein Follikel mit mir, ich solle sein Alter erraten. Ich verschätze mich kolossal, er ist uralt. Sein Geheimnis: stets ein wenig hungrig bleiben.
Eine hübsche Milbe, fast noch Nymphe, fragt, woher ich komme. Kinngrube? Das glaube ich dir nicht. Du bist weder plump noch primitiv. Ich nehme es als Kompliment.
Sie heißt Demia und ist eine von Unterkinn. Ein Name, den man kennt. Doch die noble Herkunft hilft nichts, wenn in der gesamten Region unter dem Kinn der Talg versiegt, seit langem schon. Viele von ihnen, erzählt Demia, wären zu Tode geschrumpft und wer noch Kraft habe, suche den Weg nach oben. Auch sie wolle rauf zum Kontinent Ohr mit seinen schmalzsatten Gängen und sonnigen Muschelbänken.
Gemeinsam kriechen wir weiter. Ihre Maulborsten sind lang und seidig, ich kann nicht aufhören, sie anzusehen.
Unser erster Tag verläuft karg, erst spätabends finden wir eine freie Drüse, in der wir uns stärken können. Demia nimmt nur kleine Bissen. Dabei kann sie sich vor Schwäche kaum aufrecht halten. Ich zügle meinen Heißhunger und lege einen Vorrat an. Für unterwegs.
Nach vier Tagen erreichen wir die Grenzregion Jochbein. Doch wir sind nicht allein. Von allen Seiten strömen Familien mit ihren Larven und Nymphen heran, die unterwegs gelegten Eier schleppen sie auf dem Rücken. Alle auf der Suche nach einem besseren Leben.
In einem Schläfengestrüpp machen wir Rast. Doch schon erscheint ein Grenzmilb, schwer bewaffnet mit scharfkantigen Borsten. Was wir hier treiben, fragt er. Und ohne eine Antwort abzuwarten, packt er uns an den Beinen. Ich wehre mich und deute auf Demia, erzähle von Hunger und Elend in unserer Heimat. Auch uns schenkt keiner was, brüllt er nur. Er richtet seine Stahlborsten auf uns und jagt uns davon.
Am Abend bringen wir keinen Bissen runter. Ich nehme Demia in meine acht Arme, sie schmiegt sich an mich, ich spüre ihre weiche Haut. Ich streichle sie, wie von selbst gleitet meine mittelklaue immer tiefer. Alles wird gut, ich liebe dich. Sie küsst mich, lässt meine Berührungen geschehen, ich fühle sie heiß werden. Doch dann wendet sie sich abrupt ab: „Dexo, nein. Lass das. In dieses Gesicht will ich keine Eier setzen.“
Schluchzend schläft sie ein.
*demodex folliculorum oder Haarbalgmilbe. Lebt von menschlichem Talg im Gesicht. Hat keinen After und zerplatzt am Lebensende.
In „sfd Schule für Dichtung 2022 – Tiere“

