MITGLIEDER

Text von:
Christiane Hammer

Rendezvous

Egon
Bevor er den Startschlüssel umdreht, sieht er sich nochmals ihr Foto an. Sie gefällt ihm, wie sie da an den Türrahmen gelehnt steht. Der Blick offen, die Frisur schlicht, nichts Gestyltes, er mag das. Hübsch im klassischen Sinn ist sie nicht, eher fraulich. Ja, der Begriff trifft es genau. Und unverstellt, das Lächeln nur angedeutet, nicht so wie die meisten, die auf Fotos den Mund aufreißen, als wollten sie gleich zubeißen. 
Am Schönsten findet er ihre Beine, geherprobte Waden, das sieht man gleich. Und die Füße in vernünftigen Schuhen. Eine Frau, die solche Schuhe trägt, jetzt kommt der Poet in ihm durch, wird keinen noch so steinigen Weg an seiner Seite scheuen. 
Er legt das Foto sanft auf den Beifahrersitz und dann fährt er los.

Rosa
Sie putzt sich die Zähne, vergisst die Zahnseide nicht und zum Abschluss gurgelt sie auch noch. Was für eine Aufregung, als er gleich beim ersten Telefonat um ein echtes Foto bat, nicht so ein digitales Dingsda. Eines, auf dem man sie ganz sehe, vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen, hat er gesagt, und dabei, es kribbelt in ihrem Bauch, wenn sie nur daran denkt, ein wenig frivol gelacht. Was für eine Anziehung, vom ersten Moment an. Ganz flattrig machte sie sich auf die Suche. Sie entschied sich für das Küchenfoto, aufgenommen von Helga mit der alten Kodakkamera.  Helga und ihre Schnappschüsse, wenigstens konnte sie die Schürze noch rechtzeitig verschwinden lassen. Das Foto ist gut geworden, nur die Haare, diese Nichtfrisur, als hätte sie einen Metalleimer auf dem Kopf. Gleich nach dem Telefonat hat sie sich einen Friseurtermin geleistet. Die Farbe ist gewagt, auch der kecke Kurzhaarschnitt. Er wird staunen! Sie schmunzelt und fährt damit fort, ihre Venenstrümpfe Zentimeter für Zentimeter nach oben zu rollen.

Egon

Er hasst es, im Schneckentempo hinter den anderen herzufahren, da hätte er sich ja gleich einen Aixam zulegen können. Doch ein kurzer Blick auf ihr Foto reicht, um seinen Ärger in Vorfreude zu verwandeln. Aparte Haare hat sie, die Farbe erinnert ihn an die Zinnteller in seinem Jagdzimmer.
Die meisten Frauen sind ja nur auf sein Geld aus. Als ob ein pensionierter Regierungsrat automatisch auch ein reicher Mann wäre. Mitnichten! Doch sie, er hat das bei ihren Telefonaten gespürt, lässt sich von materiellen Werten nicht beeindrucken. Und versteht es, zu sparen. Zweifellos ist sie eine gute Köchin und vielleicht, er hofft es, schneidert sie sogar ihre Kleidung selbst.
Endlich ist die Baustelle zu Ende und er kann wieder Gas geben.  Er aktiviert den Tempomat, denn wenn er zu lange am Gaspedal steht, kommen die Knieschmerzen wieder. Auf sie zuhumpeln, das fehlte gerade noch.

Rosa

Auch sie hat von ihm ein Foto bekommen. Es ist unscharf und außerdem trägt er darauf einen Hut. Man erkennt, er ist kein großer Mann.  Stolz steht er da und legt die Hand auf das Dach eines schnittigen Autos, damit man gleic sieht: Es ist seines. 
Sie tippt mit dem Zeigefinger auf das Foto, genau dorthin, wo seine Hand auf dem Autodach liegt und streicht dann mit den Fingerspitzen über die fotografierte Karosserie. Dann nimmt sie das geblümte Sommerkleid vom Haken. Von Helga noch im Vorjahr getragen. Helgas Fehlkäufe sind ihr Glück, so teure Stücke könnte sie sich niemals leisten. Falsch, denkt sie, konnte ich mir nie leisten. Dieser Mann mit seiner samtenen Stimme und der charmanten Ausdrucksweise (eine Naturschönheit hat er sie genannt), wird sich nicht lumpen lassen. 

Egon
Er wird mit ihr Wanderungen unternehmen, dort, wo wenig Leute sind und keine Wirtshäuser. Sie wird die Jause vorbereiten und er eine Decke mitbringen. Er sieht sie schon vor sich, wie sie mit ihren weichen Händen geschickt Eier und Tomaten in appetitliche Scheiben schneidet und ihm dabei einen zufriedenen Blick zuwirft. Welche Farbe haben ihre Augen? Blau? Graugrün? Egal, Hauptsache ungeschminkt.

Rosa
Die Natur scheint ihm wichtig zu sein, so oft, wie er von ihr spricht. Sie mag es ja urbaner, insektenfreier und vor allem gemütlicher. Aber das Auto hat sie wieder beruhigt. Gegen schöne Ausfahrten an der Natur vorbei ist nichts einzuwenden. Und so hat sie auch als Treffpunkt das Gartencafé am Hilmteich vorgeschlagen, ein Flecken Natur inmitten der Stadt. 
Konzentration! Wenn sie zu viel Lidschatten aufträgt, setzt er sich in den Falten ab und das macht alt.

Egon
Er hätte lieber einen Spaziergang mit ihr unternommen, statt sich in einem Lokal zu treffen. Andererseits zieht sie es wohl vor, bei der ersten Begegnung nicht allein mit ihm zu sein. Sehr vernünftig. Das passt zu ihr.
Er parkt in einer Seitengasse, dort, wo es nichts kostet. Der Teich mit dem Café ist weiter entfernt als erwartet, jetzt kommt er auch noch ins Schwitzen. Er nimmt den Hut ab und wischt sich mit einem Stofftaschentuch die Stirn trocken. 
Vor lauter Hetzen ist er viel zu früh beim Treffpunkt. Vor dem Eingang stehen bleiben wie bestellt und nicht abgeholt, unmöglich. Er könnte sich an einen freien Tisch setzen. Aber wenn sie ihn trotz Hut übersieht? Er kann ja nicht zu ihr rüber rufen wie ein Marktschreier, wie sieht denn das aus? 
Also geht er zum Teichufer, von hier hat er einen guten Überblick über die Wege zum Café und kann doch so tun, als beobachte er bloß die Karpfen im Teich.

Rosa
Sie schaut aus dem Taxifenster und stellt sich vor, dass dies ihre letzte Taxifahrt sein wird.  Nie mehr Taxi fahren. Nie mehr überlegen müssen, ob sie sich eine Taxifahrt auch leisten kann. Er hat vorgeschlagen, als Erkennungszeichen seinen Hut aufzubehalten.  Wahrscheinlich will er seine Glatze verstecken. Als ob das wichtig wäre!

Egon
Er beobachtet ein Taxi, das neben dem Eingang zum Café hält. Die Beifahrertür öffnet sich und eine Frau steigt umständlich aus dem Fahrzeug. Das rote Haar leuchtet mit den Sonnenblumen auf ihrem Kleid um die Wette. Schon will er sich abwenden, da erkennt er ihre Schuhe, vernünftige Schuhe an festen Waden.


Veröffentlicht in „Die Rampe“ 12-22