MITGLIEDER

Text von:
Christiane Hammer

Grüaß di

Die Autoreifen zerquetschten unzählige Früchte, als ich gestern an seinem Haus vorbeifuhr. Es war Birnenzeit. Auf der Wiese wuchs das Gras so hoch, ein Dreijähriger hätte sich mühelos darin verstecken können. Und die Bank war leer.  Luis?

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Mehrmals am Tag passiere ich die scharfe Rechtskurve und das erste, was ich sehe , ist das Gehöft mit dem kleinen Haus, davor ein Jägerzaun mit Blumen dahinter und eine Bank. Auf der Bank, ich erkenne ihn schon, sitzt der Luis. Zusammengesunken, das Kinn auf die Hand gestützt, weiße Strähnen fallen in seine Stirn. Wie Rodins Denker, fällt mir ein. Vielleicht starrt er aber auch nur ins Leere.
Doch dann bemerkt er das Fahrzeug und streckt sich. Und auch ich mache mich bereit und lockere den Griff ums Lenkrad. Die Choreografie kann beginnen. Sobald ich auf Höhe der Bank bin, heben wir, eingespielt wie ein altes Tanzpaar, unsere Arme, ich den linken, er den rechten und winken. Unsere Lippen bewegen sich ganz leicht Grüaß di, dann zweimaliges Kopfnicken. Ich fahre weiter und sehe ihn im Rückspiegel, wie er zurücksinkt. Bis der nächste vorbeifährt, den er vielleicht ganz anders grüßen wird, wer weiß.

Selten bleibt die Bank leer. Da muss es schon Minusgrade haben oder stürmen und selbst dann haben wir schon unser Tänzchen vollführt, er in eine Decke gehüllt, aus der nur die Grußhand rausschaute. Auf den Luis ist Verlass.

Einmal wäre fast etwas passiert. Da ist er nicht gesessen, sondern in der Haustür gestanden, an den Türstock gelehnt. Wir sind beide völlig aus dem Takt gekommen. Ich habe ihn zu spät gesehen und er hat beide Arme hochgerissen, um zu winken. Dabei hat er das Gleichgewicht verloren und ist fast über die Stufen gestürzt. Denn eigentlich ist der Luis ein alter gebrechlicher Mann.

Bin ich zu Fuß unterwegs, so bleibe ich natürlich kurz stehen und unsere gewohnte Scharade wird um einen Dialog erweitert : Grüaß di, wo gehst`n hin?  Grüaß di, nur so, a bissl spazieren   Das Wort spazieren lässt den Luis verlässlich grinsen und ich sehe, er hat noch alle Zähne im Mund.

Auf der Bank haben bequem drei Leute Platz.  Hin und wieder sitzen da auch welche, haben Gläser in der Hand, mit denen sie mir zuprosten, wenn ich vorbeifahre.  Für uns beide, den Luis und mich macht das aber keinen Unterschied. Wir halten uns an unsere Vorgaben.  Winken – Grüaß di – Kopfnicken - Weiterfahren. Unser Kontakt ist ein durch und durch zeremonieller, niemals würde mir einfallen, mich zu ihm auf die Bank zu setzen. Niemals würde ihm einfallen, auch wenn ich spazieren gehe, mich auf seine Bank zu bitten.

Neben dem Haus führt ein überschaubares Wiesenstück zu einem Schuppen. Und auf dieser Wiese, davon habe ich noch gar nicht erzählt, steht ein knorriger Birnbaum. Er schaut alt aus, so als hätte er sich mit dem Luis die Zeit geteilt. Und dennoch ist er nie über das Hausdach hinausgewachsen. Wie manche Menschen ihre fehlende Körpergröße durch andere erstaunliche Eigenschaften wettmachen, so ist der Baum kräftig in die Breite gewachsen und produziert Jahr für Jahr eine solch gewaltige Menge an prächtigen Birnen, das ist schon Protzerei.
Es ist die Zeit, in der rund um Luis Häuschen bemerkenswerte Dinge geschehen. Zuerst ist von einem Tag auf den anderen die Wiese, sonst wild und mehr Kraut und Rüben als Gras, akkurat gemäht. Bald darauf hat man dem Baum Krücken verpasst, starke Latten, die ihm die zu erwartenden Lasten tragen helfen sollen.  Und schlussendlich, die Birnen leuchten schon rotwangig vom Baum, kommt das Wichtigste: Das Kartonschild mit den dicken Lettern:

NIMM BIRNEN
UMSONST

Fast ein Gedicht.

Welche Heinzelwesen all die Arbeit rund um das Haus geschafft haben, kann ich nicht sagen. Luis selbst sitzt ungerührt auf seiner Bank, grußbereit wie eh und je. Und auch die Nachbarn, die doch sonst immer mehr wissen, als die Betroffenen selbst, stehen beim Luis vor einem Rätsel, er erzählt wenig von sich selbst, sagen sie. Aber wer weiß, vielleicht ist er ja schon im Morgengrauen aufgestanden, hat die Sense gedengelt, auf jeden Fall eine Sense, ein Motormäher passt so gar nicht zum Luis   Hat schon gemäht, die Latten zurechtgeschnitten und unter dem Baum gestemmt. Womöglich arbeitet er   jeden Morgen in seinem Schuppen, wo ihn keiner sieht, und wenn die anderen aufstehen, ist er längst fertig mit seinem Tagwerk? Kein Wunder, dass er sich dann den ganzen Tag von der Schufterei erholen muss auf seiner Bank.  

Den Moment, an dem das Schild mit dem kleinen Gedicht am Zaun hängt, kann ich kaum erwarten. Denn dann darf ich stehenbleiben, mit meinem Korb zum Luis gehen und wieder beginnt ein eigenes Ritual. Ich nehme eine Flasche Wein aus meinem Korb, um die ich eine bunte Schleife gebunden habe und winke dem Luis damit zu. Darauf folgt unser gewohntes Grüaß di,  nur lauter, und während ich mit dem Kopf nicke, stelle ich ihm die Weinflasche neben die Bank. Darf ich ein paar Birnen? - Jo sicher, nimm da. Aber wos bringst´n do, muasst ja net. - I waß,  
Ich fülle den Korb zur Hälfte. Denn ich weiß, egal, wie voll mein Korb auch ist, wenn ich ihn dem Luis zeige, wird er ärgerlich den Kopf schütteln : wüllst mi fopp`n? Jetzt nimm da no.
Danke sag ich zum Abschied   und wir winken beide. Jedes Mal denk ich mir, jetzt back ich ihm aber einen Birnenkuchen.  Aber was ist, wenn er Diabetes hat?   Oder Süßes nicht ausstehen kann? Das nächste Mal werde ich ihn fragen. Ganz bestimmt.

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Die verwaiste Bank, die Straße übersät mit Birnen, das ungemähte Gras und auf dem Zaun kein Birnengedicht. Der Anblick ließ mir keine Ruhe. Ich wendete bei einer Hauseinfahrt, fuhr zurück und stellte mein Auto auf der Wiese ab.  Der Baum trug, wie jedes Jahr, Unmengen an rot-grünen Birnen. Und was mich am meisten erstaunte, dass seine Äste dem Gewicht auch ohne die Krücken standgehalten hatten.  Viele Birnen waren schon abgefallen und zwischen den Grashalmen feierten die Wespen Party. 
 Durch eines der Fenster schien Licht   Doch die Haustür war verschlossen. In Filmen wirft sich die Heldin nun mit der Schulter voran gegen die Tür und schon ist sie im Haus Da ich noch nie eine Heldin war, suchte ich nach einem Stein, mit dem ich dann mehrmals mit aller Kraft gegen das Türschloss schlug, ehe es aufsprang.

Auf dem Boden im Flur lag der Luis und atmete schwer. Blut verklebte sein Haar und hatte eine Lache um seinen Kopf gebildet. Während ich hektisch nach meinem Handy suchte, beugte ich mich zu ihm. Luis?  Seine Lider zuckten, doch er bekam die Augen nicht auf. Nur die Lippen bewegte er, mühsam: Grüaß di