MITGLIEDER

Text von:
Stephan Kaiblinger

Heimweg

In der vollen U-Bahn fällt Sarah nicht auf. Sie sitzt auf einem Sitz aus Plastik. Rund um sie herum stehen viel mehr Menschen, als sie um diese Uhrzeit erwartet hat. Sarah fixiert den dunkelbraunen Boden der U-Bahn. Ein Betrunkener grölt. Eine Tageszeitung liegt zerrissen unter ihren Schuhen. Eine Gruppe Jugendlicher hört laut Musik mit einer Bluetooth-Box. 
Kurz hebt sie den Blick und sieht sich den U-Bahn-Fahrplan an, der über der Waggontüre befestigt ist. Obwohl sie ihn auswendig kennt. Dann starrt sie wieder auf den Boden. Und die Spitzen ihrer Schuhe. Niemand weiß, dass ihre Socken patschnass sind. Und eiskalt. 
Ich habe mein Handy vergessen, denkt Sarah.
Wie schön wäre es, wenn es eine U-Bahn-Linie gäbe, die im Kreis um die Stadt fährt. Wo man nicht bei der Endstation aussteigen und in eine andere U-Bahn einsteigen muss, um denselben Weg wieder zurückzufahren. 
Wenn es das gäbe, denkt Sarah, könnte ich stundenlang im Kreis fahren. Wie schön wäre das. 
Die Hand in ihrer Hosentasche umschließt den Wohnungsschlüssel.
Meine Geldbörse habe ich auch vergessen, denkt sie. Wenn ich jetzt kontrolliert werde, kann ich meine Jahreskarte nicht herzeigen. 
Dann muss ich Strafe zahlen. 
Kein Kontrolleur wird mir glauben, dass ich eine Jahreskarte habe, die zuhause liegt.
Jeder Schwarzfahrer benutzt diese Ausrede. 
Aber ich kann ja morgen dann mit meiner Jahreskarte zu einem Schalter gehen und mir das Geld rückerstatten lassen. Das geht doch. Oder? Ja, das geht. Das muss gehen. 
Zum Glück ist morgen Samstag. Dann muss ich nicht früh nachhause. 
Ob Michael noch da ist? Ob er irgendwann geht? Vielleicht ruft er mich an. Aber mein Handy ist ja zuhause. Vielleicht regt ihn das auf. Oder auch nicht. 
Bald muss ich aussteigen, denkt Sarah. 
Mir ist kalt, denkt Sarah. 
Die Menschen hier sind so laut, denkt Sarah. 
Wenn ich jetzt schreie, würde mir niemand helfen, denkt Sarah. 
Wenn ich mich jetzt sehen würde, ohne Jacke und ohne Tasche, würde ich mich selbst bestimmt für eine Obdachlose halten, denkt Sarah. 
Schaut mich jemand an? Nein, niemand schaut mich an, denkt Sarah. 
Zum Glück ist morgen Samstag, denkt Sarah. Da fahren die U-Bahnen die ganze Nacht. 
Draußen regnet es noch immer, denkt Sarah. 
Aber es hagelt nicht. Obwohl Michael gemeint hat, seine App habe Hagel prophezeit. Nun ja, manchmal irren sich wohl auch Apps.
Ich kann die ganze Nacht mit der U-Bahn fahren, denkt Sarah. 
„Nächster Halt, next stop: Kahlwiesenstraße. Umsteigen zur Linie U6“, sagt die Frauenstimme aus dem Lautsprecher. 
Hier muss ich umsteigen, denkt Sarah. 

Als Sarah die Straße zu ihrer Wohnung entlanggeht, regnet es nicht mehr. Über den Dächern der Häuser dämmert es bereits. Hinter ihren Wohnungsfenstern brennt noch Licht. Kalt klumpt die Angst in ihrem Magen. 
Wenn er noch da ist, laufe ich sofort weg, sagt sich Sarah. 
Ich laufe zur nächsten Telefonzelle, sagt sich Sarah, oder zur nächsten Polizeistation. Ich bleibe nicht stehen. Ich bleibe nicht stehen, was auch immer passiert. 
Als sie die Haustüre aufsperren will, wird diese von innen geöffnet. Sarah erschrickt. Vor ihr steht eine Frau, die sie noch nie gesehen hat, mit grauen, langen Haaren und einem grell geschminkten Gesicht. Die Frau nickt Sarah zu wie einer alten Bekannten. Sarah nickt nicht. 
Im Hausflur brennt Licht. Die Fremde muss es eingeschaltet haben. Sarah bleibt neben den Briefkästen stehen und wartet, bis es erlischt. Dann steigt sie die Stufen empor. 
So leise wie möglich sperrt sie die Türe auf. Im Flur hinter der Wohnungstüre brennt ebenfalls Licht. Sie schaut zu Boden. Michaels Schuhe sind verschwunden. Auch seine Jacke hängt nicht mehr am Haken. Trotzdem bleibt Sarah so lange vor ihrer Wohnung stehen, bis irgendwo in einem der oberen Stockwerke eine Türe geöffnet und das Licht am Gang eingeschaltet wird. Da huscht Sarah in ihre eigene Wohnung, um den Blicken des Nachbarn zu entgehen. Ohne sich die Schuhe auszuziehen, öffnet sie die Klotüre. Das Licht brennt, aber niemand ist darin. Auch in der Küche, im Schlaf- und Wohnzimmer brennt das Deckenlicht, doch auch dort befindet sich keine Menschenseele. Auf dem Sofa liegt Sarahs Handy. Sie hebt es auf. Keine Nachrichten, keine Anrufe in Abwesenheit. 
Außer den Pizzakartons gibt es keine Hinweise darauf, dass Michael hier gewesen ist. 

(Auszug aus dem Romanprojekt Wechselspiel)