MITGLIEDER
Text von:Peter Klein
Hundertwasser
Hundertwasser versuchte erst gar nicht zu verbergen, wie sehr ihn das alles nervte. Wie sehr er es verabscheute, Lebenszeit zu vergeuden. Wie ihm jede Minute an der Akademie Zeit wegfraß, die er dringend benötigt hätte, um zu retten, was noch zu retten war. Er pflanzte Bäume, verfasste Manifeste, hatte Mühe, seine aktuellen Wohnsitze in Neuseeland, Venedig und Wien zusammenzuhalten, gleichzeitig hatte er ja noch das Schiff irgendwo liegen. Manchmal wusste er nicht, wo die Regentag gerade lag. Jahrelang hatte er sie umgebaut, vergrößert, verlängert, einen zweiten Mast gesetzt, selbst das Kapitänspatent hatte er erworben um unabhängig sein zu können, frei, um das zu tun, was getan werden musste. Es war sein Auftrag, die Welt vor ihrer Selbstzerstörung zu retten. Und seine Waffe war die Kunst. Seine umfassende, allumfassende Kunst. Es war seine Aufgabe, der Hässlichkeit der Welt den Spiegel der Schönheit vorzuhalten. Friedensreich Hundertwasser hatte viel zu tun. Und nun saß er hier, an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und hielt eine Sprechstunde ab. Genau an jenem Ort, den er vor dreiunddreißig Jahren, als er noch Friedrich Stowasser hieß, nach nur drei Monaten wieder verlassen hatte. Zwanzig war er damals gewesen. So alt wie diejenigen, die er jetzt unterrichten sollte.
Im Grunde war es selbst ihm unklar, weshalb er die Professur angenommen hatte. Vielleicht, weil die anderen auch eine hatten. Vielleicht, weil ein Guru Jünger brauchte oder vielleicht auch nur, um sich zu rächen. Lehrer hatte er immer schon gehasst, Institutionen waren ihm zuwider. Trotz käme als Motiv ernsthaft in Frage. Kleinlicher, kindischer und kindlicher Trotz. Die Tatsache, dass man ihm im Vorjahr den Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst verliehen hatte, mag eine Rolle gespielt haben, eine kleine Rolle vielleicht. Es fiel ihm kein Stein aus der Krone, wenn er sich, dieses eine Mal, ein klein wenig erkenntlich zeigte. Es war die Akademie, die sich mit ihm schmücken durfte, nicht umgekehrt. Er hatte in Paris ausgestellt und in Tokio, in Australien, Deutschland und in den USA. Die Welt hatte Hundertwasser gesehen – und Hundertwasser die Welt. Unlängst erst hatte er Briefmarken für den Senegal entworfen und wurde von Präsident Leopold Senghor höchstpersönlich empfangen. Hundertwasser fühlte es als Verpflichtung, so wenig Zeit wie möglich an der Akademie zu verbringen. Seine Aufgabe war eine größere, eine ungleich größere. Das Professorengehalt war das Mindeste, was die Akademie ihm bieten konnte, ein Trostpflaster allenfalls. Er nahm es als Zubrot, es kam ihm nicht ungelegen. Trotz seiner persönlichen Genügsamkeit war sein Lebensstil aufwändig. Wohnsitze da und dort. Reisen, Frauen, Drucker und Handwerker, die er beschäftigte, Assistenten, Manager und Agenten. An die Möglichkeit, Kunst zu lehren, glaubte Hundertwasser weniger denn je. Künstler wurde man nicht; Künstler war man. Und so traf es sich gut, dass er durch einen Zufall auf Adrian Scolik stieß.
Adrian war nicht an sich respektlos. Es mangelte ihm bloß an Wissen. Er hatte zwar von Hundertwasser gehört, ihn aber bisher eher für einen Plakatkünstler denn für einen ernst zu nehmenden Maler gehalten. Was aber für Adrian ohnehin keinen Unterschied machte.
Er interessierte sich, wie gesagt, nicht sonderlich für Kunst. Plakate drangen da schon eher in sein Bewusstsein als Bilder, die gerahmt und herausgeputzt in Galerien oder Museen auf ihre Freier warteten.
Die Tür war angelehnt, als sich Adrian dem Büro näherte, in dem Hundertwasser seine Sprechstunde hielt. Frau Tompa hatte ihm den Weg beschrieben. Er wusste nicht, ob er anklopfen oder einfach eintreten sollte. Er entschied sich, beides gleichzeitig zu tun. Er klopfte vorsichtig und schob die Tür ein Stück weiter auf. Kommen Sie, sagte Hundertwasser ohne seinen Blick von der Tischplatte zu nehmen. Es war kein Schreibtisch, sondern eine auf zwei Böcken gelagerte riesige, unbearbeitete Holzplatte, auf der, neben einem Wust von anderen Papieren, Zeichnungen, Plänen und Skizzen, bereits aufgeschnürt und aufgeschlagen Adrians Mappe lag. Im Raum verteilt standen einige Kisten und schulterhohe Seemannskoffer, die Wände waren nackt und leer. Alles wirkte wie zufällig abgestellt, so, als ob der Hausherr gerade einziehen oder gerade ausziehen wollte. Kommen Sie, wiederholte Hundertwasser, Sie sind der Eiermann oder nicht?
Ich heiße Adrian Scolik, sagte Adrian und stellte fest, dass es keinen Sessel gab, auf den er sich setzen hätte können.
Namen merke ich mir nicht, sagte Hundertwasser. Er habe schon mit seinem eigenen Namen Schwierigkeiten. Friedensreich geht ja noch. Aber Hundertwasser? Warum nicht Tausendwasser, was freilich zu nah am Tausendsassa sei und es werde ihm ohnehin schon vorgeworfen, zu viel und zu vieles gleichzeitig zu machen. Millionenwasser wiederum klinge zu sehr nach Lotterie und Milliardenwasser erinnere zu sehr an das Universum, an die unzähligen Sterne am Firmament und an die Frage, ob es irgendwo auf einem der Gestirne und Planeten Wasser und damit Leben gäbe. Also bleibe er bei Hundertwasser, zumal er ja schon früh festgestellt habe, dass sto in manchen slawischen Sprachen hundert heißt und er seinen ursprünglichen Namen, Stowasser, damit ja nur eingedeutscht habe. Und der Weg vom Friedrich zum Friedensreich sei ebenso kurz wie notwendig gewesen.
Adrian schwieg. Er hatte nicht mit einem Redeschwall gerechnet. Und er verstand nicht, warum der Professor ihm das alles erzählte. Hundertwasser saß, mit einem Arm aufgestützt, seitlich zur Tischplatte. Er trug ein weites, blau-grau gestreiftes Gewand, das an ein Kinderpyjama erinnerte oder an Sträflingskleidung, wie Adrian sie aus amerikanischen Filmen kannte. Die Füße steckten in weiten, mokassinartigen Lederschuhen und gaben den Blick frei auf Socken unterschiedlicher Farbe. Knallrot die eine, dunkelgrün die andere. Seine ebenfalls bunte, aus verschiedenen Stoffteilen zusammengenähte Kappe hatte Hundertwasser neben sich auf die Platte gelegt. Sein Haaransatz war weit nach hinten gerutscht, eine Glatze breitete sich aus. Den offenbar voranschreitenden Verlust seines Haupthaars schien Hundertwasser durch einen zunehmend länger werdenden, unten spitz zulaufenden Bart zu kompensieren. So, als ob die Masse und die Gesamtlänge aller Haare immer gleich zu bleiben habe. Was wegkommt, muss wieder hinzugefügt werden. Im Falle einer Vollglatze, dachte Adrian, müsste der Bart wohl bis zum Nabel reichen.
Sie sind also der Eiermann, wiederholte Hundertwasser. Jaklitsch hat mir von Ihrem „Missgeschick“ erzählt und mir Ihre „Arbeiten“, wenn man sie so nennen kann, auf den Tisch gelegt.
Und?, fragte Adrian. Er fürchtete, seine Stimme könnte zittrig und unsicher klingen. Er stand immer noch artig und aufrecht wie ein Konfirmand in der Mitte des Raumes während Hundertwasser distanziert seine Eier-Blätter in Augenschein nahm.
Was und?, fragte Hundertwasser zurück. Er hob seinen Blick und sah Adrian mit verhangenen Lidern müde ins Gesicht. Vermutlich kriegt er nicht genug Schlaf, dachte Adrian und hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen darüber, dass er dem sicherlich vielbeschäftigten Professor bloß die Zeit stehlen könnte. Die Möglichkeit, nur ein lästiger Störenfried sein zu können, einer von vielen, irritierte Adrian. Noch hatte er keine schlechten Erfahrungen gemacht. Das Gefühl der Enttäuschung war ihm fremd. Er musste nicht geliebt werden - streng genommen wusste er gar nicht was das ist -, aber es schien ihm selbstverständlich, dass die Dinge sich in seinem Sinne fügten.
Professor Jaklitsch hat gemeint, Sie könnten mich eventuell als Gasthörer aufnehmen – vorausgesetzt, dass Ihnen meine Arbeit gefällt.
Gefallen, murmelte Hundertwasser, was soll mir an Ihren Eiern gefallen? Jedes Kind kann Eier zeichnen. Es lässt sich nicht beurteilen, ob Sie was können oder nicht. Ihre Eier sind nichts, große und kleine Nichtse, manchmal, wenn Sie sich angestrengt haben, zu lustigen Viechern oder Gliederpuppen montiert. Andrerseits – Hundertwasser lehnte sich zurück und war im Begriff weiter auszuholen -, andrerseits ist das Nichts ohnehin das Beste, was der Kunst passieren kann. Je mehr Künstler wenig bis nichts machen, desto besser für die Kunst. Am liebsten hätte er Schüler, die nichts eingereicht hätten. Leere Blätter, am besten nicht einmal das. Gar nichts. Das Beste, was man für die Kunst tun könnte, wäre keine zu produzieren. Mit seinen Eiern sei er da nah dran. Jedenfalls näher als die meisten anderen. Überdies solle er sich doch bitte setzen, es mache ihn nervös, wenn er herumstehe wie ein Prüfling beim Examen.
Adrian ließ seinen Blick fragend durch das Zimmer schweifen.
Sorry, sagte Hundertwasser, tut mir leid. Er sprang, als ob es nur darum ginge keine Zeit zu verlieren, mit einem Ruck auf, zog eine der Seemannskisten von der Wand vor seine Tischplatte und bedeutete Adrian, darauf Platz zu nehmen. Tut mir leid, wiederholte er, zum Gastgeber eigne er sich wohl nicht besonders. Er könne ihm auch nichts zu trinken anbieten. Es sei schlicht und einfach nichts da.
Hundertwasser nahm, während er sich wieder setzte, das oberste von Adrians Blättern aus der Mappe, betrachtete es eine Weile und legte es wieder zurück. Wie viele Eier haben Sie schon gezeichnet?, fragte Hundertwasser.
Ich weiß nicht, sagte Adrian. Viele jedenfalls. Tausende vermutlich. Er habe sie nicht gezählt.
Und immer nur Eier? Nichts sonst?
Er zeichne eigentlich keine Eier, sagte Adrian. Er zeichne bloß. Dass es am Ende immer Eier werden, sei gar nicht seine Absicht. Das sei eben so.
Und Sie haben es nie mit Farbe versucht?, fragte Hundertwasser. Pinsel, Palette, Ölfarben, Acryl, was auch immer?
Nein, sagte Adrian, das halte ihn zu sehr auf. Er brauche die Bewegung. Außerdem sei er kein Maler. Er könnte eventuell mit Buntstiften zeichnen, aber das käme ihm kindisch vor.
Hundertwasser schwieg. Mit Daumen und Zeigefinger der Rechten zwirbelte er seinen Bart als ob er versuchte, Löckchen hineinzudrehen, mit der Linken führte er zuerst eines, dann noch zwei weitere von Adrians Blättern nahe an sein Gesicht.
Wissen Sie, was das einzig Interessante an Ihren unendlichen Eiern ist?, fragte er nach einer Weile, das Einzige, das ihn wirklich interessiere?
Nein, sagte Adrian abermals. Er hoffe nur, dass …
Hundertwasser, der seine Müdigkeit für einen Augenblick abgeschüttelt zu haben schien, erhob sich ein Stück weit wie jemand, der sich anschickte, eine Tischrede zu halten.
Es gibt in Ihren Zeichnungen soweit sie mir vorliegen, sagte er nahezu feierlich, keine einzige gerade Linie. Nicht eine. Nicht eine einzige. Ist Ihnen das bewusst, Herr Kollege?
Nein, sagte Adrian leise. Er hatte nie über Linien nachgedacht, weder über Krümmungen,
noch über Kurven oder Kreise. Er hatte gezeichnet, wie und was sein Körper wollte.
Die gerade Linie, fuhr Hundertwasser mit erhobener Stimme fort, ist – und er predige das immer und immer wieder – ein Werk des Teufels und daher gottlos und unmoralisch. Man könne zusehen, wie sie zum Untergang der Menschheit führt. Und da er nicht davon ausgehe, dass er, Adrian, ihn, Hundertwasser kopiert habe, vermutlich allein schon deshalb nicht, weil er ihn und sein Werk noch nicht ausreichend kenne, müsse er zur Kenntnis nehmen, dass hier ein junger Mann vor ihm sitze, der das Wesen der Kunst, sein Alpha und sein Omega, intuitiv richtig erkannt und – wenn auch monoton und etwas simpel – konsequent umgesetzt habe. Alles im Leben und in der Natur sei schief und verbogen und krumm. Und es könne nicht die Aufgabe der Kunst sein, die Natur und das Leben gerade zu rücken. Die zeitgenössische Kunst ist entartet. Und das Ergebnis dieser fehlgeleiteten Bemühungen kenne man ja. Häuser wie Schuhschachteln und Räume wie Gefängniszellen. Der offizielle und allgemeine Fortschritt beruhe auf einem fundamentalen Irrtum. Und er, Friedensreich Hundertwasser, sei unter anderem deshalb hier, um gegen diese Tyrannei, gegen die Tyrannei der geraden Linie anzukämpfen.
Hundertwasser ließ sich, von seiner Rede wieder sichtlich ermattet, in seinen Stuhl fallen und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Ich muss Sie nehmen, Eiermann, sagte er beinah resigniert, es geht nicht anders.
Als Gasthörer?, fragte Adrian unsicher.
Egal, sagte Hundertwasser. Jaklitsch wird das regeln und in einem Jahr werde ich, falls ich da bin, dafür sorgen, dass Sie als ordentlicher Hörer aufgenommen werden. Ich stelle allerdings eine Bedingung, Sie haben eine Aufgabe. Die wird Sie beschäftigen. Im Sommer mehr als im Winter. Eine wichtige, verantwortungsvolle Aufgabe. Ihnen, Eiermann, traue ich das zu.
Und was genau habe ich zu tun?, fragte Adrian.
Blumen gießen, sagte Hundertwasser.
Blumen gießen?, fragte Adrian ungläubig.
Jawohl, sagte Hundertwasser. Blumen gießen. Nicht weniger und nicht mehr.

