MITGLIEDER

Text von:
Mirella Kuchling

Kannibalen in Schottland

Kannibalen in Schottland: Die Beane-Familie Großbritannien. 15. Jahrhundert.

Black Agnes Douglas räusperte sich. Der aufsteigende Rauch reizte sie zum Husten und die unzähligen Augenpaare, die sich in sie bohrten, stachen wie Nadeln. Menschen waren ihr seit jeher verhasst. So war es schon gewesen, als sie noch in East Lothian in der Nähe von Edinburgh gewohnt hatte. Als Hexe war sie dort verschrien gewesen, erinnerte sie sich verbittert. Dabei war sie einfach anders als die anderen jungen Frauen. Von dem Zeitpunkt an, als sie es ihnen allen ein einziges Mal hatte ordentlich heim zahlen wollen und sie mit einem Fluch belegte, galt sie als böse. Dabei hatte sie den ganzen Hokuspokus schlichtweg erfunden. Es war dann mehr als ein glücklicher Zufall, als ihr Alexander Sawney Beane über den Weg lief. Groß war er und stark, und mit ihm an ihrer Seite hielten die Weiber endlich ihre Klatschmäuler im Zaum. Vielleicht auch, weil er als faul und bösartig galt, aber das getraute sich niemand laut zu sagen. Da hielten alle lieber den Mund und ließen Fünf gerade sein. [...]
 
Agnes blickte auf Alexander hinunter, aber er hielt die Augen geschlossen. So waren sie, die Männer, stets dach ten sie zuerst an sich . Aber ihr Alex, der konnte auch ganz anders! Die schönsten Kleider hatte er ihr besorgt und Schmuck, und gegessen hatten sie! Mehr als sie konnten! Und in der Nacht, da war er bei ihr gelegen und hatte ihr ein Kind nach dem anderen gemacht. Acht Söhne und sechs Töchter! Seine Manneskraft war außerordentlich, wahrscheinlich lag es am Fleisch, das sie ständig aßen. Es schmeckte wie Schwein vermischt mit etwas Lamm, und wenn man einmal mit dieser Sorte anfing, wollte man bald nichts anderes mehr. 
 
Ihre Wohnung hatten die beiden durch Zufall ent deckt: eine Höhle in Bennane Head bei Galloway County, an der Westküste von Schottland. Hier konnte ihnen kein Hausherr eine überteuerte Miete abpressen, und zwei Mal am Tag kam die Flut und schützte den schmalen Eingang vor unliebsamen Besuchern. Von Menschen hatten sie weiß Gott genug! Hand in Hand waren sie mit einer Fackel immer tiefer gewandert, Hunderte Meter fraß sich die geräumige Grotte mit ihren zahlreichen Seitengängen ins Erdinnere hinein. So hatten sie ihr perfektes Liebesnest gefunden, es war wie geschaffen zur Gründung einer Familie. Dafür brauchten sie jedoch allerlei – und ohne Arbeit war das nicht zu bekommen. Dachte Agnes jedenfalls, aber Alexander war ein außerordentlich praktisch denkender Mann, das bewies er ein ums andere Mal. Auch dieses Mal fand er rasch eine Lösung.
 
Und so dachten die dummen Bewohner der Grafschaft Galloway bald, dass an der Südwestküste von Schottland ein Werwolf sein Unwesen treiben würde. Agnes kicherte, wor aufhin sie kräftig husten musste. Sie spuckte aus, ihre Hand konnte sie dabei nicht vorhalten, aber das hätte sie ohnehin nicht getan. Sitte und Anstand waren ihr schon vor langer Zeit abhandengekommen. Wer glaubte denn ernsthaft an Kreaturen, die sich von Menschen in reißende Bestien ver wandelten und noch dazu den Vollmond anheulten? Agnes kicherte abermals und bemerkte den überraschten Ausdruck in den Augen vieler Zuschauer gar nicht. Aberglaube war ihr seit jeher zuwider, der war nur etwas für die Schwachen. Aber ihnen konnte es nur recht gewesen sein, wenn die Bevölkerung die Kinder des Mondes fürchtete. Sollten sie das erfun dene Monstrum nur jagen! Währenddessen legte sich ihr Liebster auf die Lauer, und wenn ein Kaufmann so dumm war, den Küstenweg allein zu passieren, dann brachte ihn Alexander mit nach Hause. Allerdings erst, nachdem er ihn die Klippen hinabgestürzt hatte.
 
Das erste Mal war sie ein wenig erschrocken. Was sollten sie mit dem zerschlagenen Körper nur anfangen? Der Geld beutel des Kaufmanns gefiel ihr hingegen auf Anhieb. Sie leerte die Münzen in einen Winkel der Höhle und befestig te die hübsch bestickte Geldkatze an ihrem Gürtel. Alexander befreite den Leichnam von seinen Stiefeln und fluchte, weil sie ihm ein gutes Stück zu klein waren. Aber er wusste sich zu helfen und schnitt – zuerst beim linken und dann beim rechten – geschickt ein Loch für seinen großen Zeh ins Leder. Es war ohnehin nur eine Frage von Tagen oder wenigen Wochen, bis er passendere finden würde. Nun galt es noch den stummen Zeugen loszuwerden. Aber auch da hatte Alexander eine blendende Idee: Wenn sie das Pferd, das noch am schmalen Strand lag, aßen, waren sie eine Zeit lang gut versorgt. Und wenn sie den Kaufmann gleich dazu verspeisten, blieb von einem lästigen Zeugen nicht mehr viel übrig als ein Haufen Knochen, die konnten sie dann getrost dem Werwolf unter die Pranken schieben [...]
 
Aus: Mörderische Liebespaare, Graz: edition keiper, 2026.