MITGLIEDER
Text von:Klaus Prinz
Kurze Prosa
3/63/204. Auf dem Weg zum Briefkasten zähle ich im Stiegenhaus Stufen und meine Schritte. Wenn meine Tage geflügelt, von Tatendrang getragen sind, neige ich dazu, meine Produktivität in Zahlen zu sperren. Dreißig Seiten gelesen, zehn Kilometer gelaufen, fünfhundert Wörter geschrieben. Sie verwandeln Geschaffenes in Geschafftes. Dann stelle ich meine Zahlen zur Schau und trage sie vor mir her. Andere sollen sie sehen, sie fürchten und an sie glauben. Ich erweitere ihren Einfluss, ich verbreite ihre frohe Kunde in der Welt. Im Gegenzug verlange ich Fruchtbarkeit und gute Ernten.
35/76/254. Sie sind es gewohnt, zu lachen, während sie sich aneinander reiben. Danach zeigen sie die durch Abrieb entstandenen Stellen. Das verbindet.
44/23/100. Ich verlebe meine Tage in nervöser Aufmerksamkeit, in gespannter Angst vor ihm. Ich habe gehört, er ist gepunktet oder gestreift, zwei bis drei Meter oder Tage lang. Überall kann man ihm begegnen. Zumeist versteckt der Nihilismus sich jedoch in Menschenmassen und lauert dort auf seine Beute. Auch ist alle Umsicht sinnlos. Er fällt seine Opfer stets von hinten an.
2/45/156. Wie weit vermag das Schweigen mich heute noch zu tragen? Viele Menschen, da sie es gewohnt sind, zu allem und sofort zu sprechen, legen es als Unwissenheit und nicht als Zurückhaltung aus, als Unzulänglichkeit und nicht als Anerkennung. Zumindest hat langes Schweigen meist noch einen dramatischen Effekt. Aber auch das nur, wenn danach viel und laut gesprochen wird. Darum schweige ich lieber in Einsamkeit, als Urteilsenthaltung über mich selbst. Der Asket nickt jedoch verfrüht. Wenn ich vom Schweigen als Maxime spreche, zerreiße ich dabei die Stille.
4/31/118. Manche Sätze sinken so tief in mich ein, dass sie mit Wörtern nicht mehr zu bergen sind.
31/7/27. Die Tage prasseln auf mich nieder, in großen, schweren Tropfen. Immer mühevoller, sie zu ordnen. Was in ihnen gefasst war, bildet Rinnsale an Fenstern. Manche vereinen sich und eilen dadurch schneller einem Ende zu. Manche bleiben Tropfen, getrennt voneinander, bis die Oberflächenspannung bricht und der Wind sie Stunde für Stunde mit sich nimmt.

