MITGLIEDER
Text von:Benjamin Rizy
Über der Tür
Über der Tür hängt ein Kreuz. Ein kleines Kreuz mit einer hellen Silhouette, die noch auf die Figur hinweist, die schon seit Jahren nicht mehr ihre Arme an dem Querbalken entlangstreckt. Darunter ist noch ein Kreuz. Dort, wo einmal ein Fenster in die Tür eingelassen war, gestützt durch einen vertikalen und zwei horizontale Stäbe, befinden sich nur noch ein paar Scherben und, da der obere Stab fehlt, ein verkehrtes Kreuz. Hinter der Tür ist es grau. Der Staub in der Luft ist so dicht, dass er den Blick auf die zerrissene Tapete an der Wand gegenüber trübt. Vor der Tür ist es auch grau, auch trüb und stickig. Der Ruß, den der kleine Herd über Generationen im Raum verteilt hat, prägt den Geruch nachhaltiger, als die verwesenden Kleinnager und Vögel, deren Gerippe in der Ecke und unter dem Fenster liegen, es vermochten. An der Wand steht ein Tisch. Das Tischtuch ist grau und erweckt den Anschein sich zerbrechen zu lassen. Ebenso die Vorhänge, die sich mit den letzten erhaltenen Ringen an die Vorhangstange klammern. Zwei Sessel stehen beim Tisch, einem fehlt die Hälfte der Lehne, dem anderen fehlt ein Bein. Auf dem Tisch liegen ein rostiges Messer, der abgebrochene Hals einer Flasche und ein Brief, dessen Schrift zur Unkenntlichkeit verblichen ist. Der unebene Holzboden ist bedeckt von einer Mischung aus Staub, toten Insekten und Scherben. An der Wand hängen die vertrockneten Überreste von Knoblauch und Kräutern, aus einer milchigen Vase ragt ein grünlicher Stängel heraus, die Blüte wurde wohl zu dem Häufchen Pulver, das darunter liegt. Das Bildnis einer Heiligen blickt tadelnd von dem einzigen noch an der Wand hängenden Brett. Das daneben fiel mitsamt einigen Tellern der Schwerkraft zum Opfer. Ein durchgerostetes Lavoir steht auf dem Boden, unklar zu welchem Zweck es mitten im Raum platziert wurde. Vielleicht um ein Kind zu baden, vielleicht um das Geschirr zu waschen, vielleicht auch um die Kleidung einzuweichen damit die Blutflecken leichter herausgehen.
Vor der Tür, im Vorhaus, steht eine Bank. Robust, zweckmäßig, nur das in die Lehne eingearbeitete Muster sticht heraus, wie eine Sonnenblume mitten am Erdäpfelacker. An der Wand ein fließender Übergang von rußig über ausgeblichen zu spinnwebenverhangen, durchbrochen von den Schatten, die die Tapetenfetzen werfen. Die Haustür hängt demotiviert in den verbliebenen zwei Angeln und lässt die Sonne herein. Vom Steinboden steigt feiner Staub auf und wirbelt im Licht. Manchmal verirrt sich ein Insekt herein und dreht gleich wieder um oder scheitert daran, um Stunden oder Tage später unter einem der Fenster im Haus tot liegen zu bleiben. Vor ein paar Jahrzehnten hatten noch Vögel unter dem Dach genistet, aber auch sie haben dieses Haus verlassen um an einem freundlicheren Ort zu leben. Hier hängt Elend in der Luft. Hier wurde er erschlagen. Nach vielen Jahren hatte jemand, und bis heute schweigen alle darüber wer, genug. Vielleicht war es eine der Töchter, vielleicht einer der Nachbarn. Dankbarkeit darüber war allgegenwärtig aber unausgesprochen. Seine Leiche war in einem verzogenen Sarg aufgebahrt worden, der gesamte Ort hatte sich versammelt um Abschied zu nehmen und sich zu vergewissern, dass er auch wirklich hinüber sei. Dann wurde er in das Grab gelassen, zugeschüttet und vergessen. Das Haus wollte keiner bewohnen und so verfiel es noch mehr als zu seinen Lebzeiten. Die Nachbarn ließen die Hecken höher wachsen, um den Anblick zu vermeiden und sein Name wurde nicht mehr genannt. Die Kinder machten einen Bogen um das Haus, das ihnen sogar für Mutproben zu unheimlich erschien und eigentlich warteten alle darauf, dass es einmal von selbst zusammenfällt um Platz zu machen für Neues. Jetzt soll es bewohnt werden. Bewohnt von Menschen auf der Flucht. Jetzt, sagen die Leute, sieht man wieder einmal, wie denen alles nachgeschmissen wird.

