MITGLIEDER
Text von:Heinrich Thaler
Im Labor
Im Keller eines Hauses, auf einer Steinstufe sitzend, nahm ich mir selbst mit einer
Plastikspritze Blut ab. Mit der rechten Hand aus der linken Armbeuge. Die Nadel zog ich,
als die Spritze voll Blut war, aus der Vene heraus, steckte sie in die Umhüllung zurück
und warf sie auf den Boden. Mit einem weißen Tupfer in der Armbeuge und den Arm
fest gebeugt haltend, lief ich, die blutgefüllte Spritze in der rechten Hand, viele
Stockwerke hinauf. Im letzten Stock stand ich, atemlos und schwitzend, getrieben von
Angst, vor einer rostigen Eisentüre, die mit „Labor, bitte anklopfen“ gekennzeichnet
war. Ich ging ohne anzuklopfen hastig hinein. Das Labor war ein Geräteschuppen, voll
von alten, verstaubten Maschinen, die leise vor sich hin surrten. Eine blonde Frau
mittleren Alters, die an einem der Geräte beschäftigt war, blickte gelangweilt auf und
sagte: „Ich habe Sie schon erwartet“.
Ich war erstaunt, aber sie zeigte mir nur ein zahnlückenhaftes Lächeln, nahm mir die
Spritze aus der Hand und sagte: „In zwei Tagen werden wir alles von Ihnen wissen – wir
untersuchen ihr Blut auf Tumormarker, Viren, Antigene und Antikörper. Und: bitte den
Tupfer auch weiterhin fest draufhalten. Auf wiedersehen.“ Ich murmelte verschüchtert
„Vielen Dank“. Als ich hinausging hörte ich hinter einer Nebentüre eine Stimme, die in
lautem Befehlston rief: „Tief einatmen ! Luft anhalten ! Und nicht mehr atmen !“
aus "Träume eines Krankenhausarztes"

