MITGLIEDER

Text von:
Heinrich Thaler

Ein kleiner Drache

Ich kratzte mich am linken Handrücken, da ich an einer schon länger bestehenden
braunen  Stelle ein Jucken bemerkte. Beim Kratzen fiel mir ein winziges Faden-Ende auf,
welches aus der rauen Haut herausragte. Mit einer Pinzette zog ich an diesem Faden, der 
überraschend lang war. Als ich ihn zu fassen bekam zog ich ihn, ohne Schmerzen zu
verspüren, heraus. Ich legte den Faden vorsichtig auf ein Blatt weißes Papier und
betrachtete ihn genau. Langsam begann er sich, zu meinem größten Erstaunen, ruckartig
zu bewegen. Dann schlängelte er sich, er wuchs in die Länge und wurde breiter, aus dem
unansehnlichen Braun wurde ein zuerst mattes, dann dunkles Grün. 
Als er sich auf dem Papier bewegte, begannen langsam längliche, durchsichtige Flügel an
seiner Oberseite zu wachsen und unzählige kleine Füßchen stülpten sich an der 
Unterseite hervor. Der Faden aus meiner Haut war tatsächlich ein kleines Tier 
geworden, das wie ein kleiner Drache oder eine dünne Raupe aussah.
Das vordere Ende des Wesens begann sich nun behutsam vom Papier abzuheben. An
diesem deutlich verdickten Ende leuchteten kleine schwarze Augen, die eine 
bedrohliche, heimtückische Entschlossenheit ausstrahlten. Plötzlich spannte es seine 
Flügel weit auf und flog lautlos aus dem Fenster hinaus in die mondlose Nacht.

aus "Träume eines Krankenhausarztes"