MITGLIEDER
Text von:Peter Waldeck
All der wilde Unfug (Auszug)
Die erste Szene von Clemens’ Roman beginnt mit einem Hustenanfall
in der Küche. »Es ist nichts«, sagte seine Mutter und winkte mit dem
Geschirrtuch in der Hand ab, obwohl es eben noch aus ihrer Lunge
nach Aufruhr und Geröll geklungen hatte. »Es ist nichts«, sagte sie
auch, als sie eine halbe Stunde lang beim Spazierengehen auf einer
Parkbank sitzen musste. Sie rang nach Atem und versuchte dies mit
einem leisen schnellen Hecheln zu verbergen. Sie konnte nicht fokus-
sieren, ihr Blick war glasig, rasend, eine verrückte Murmel unter
einem Schleier. Sie war diese halbe Stunde nicht ansprechbar, und
Clemens, so schrieb er, konnte es nicht recht glauben, als seine Mutter
die Rast mit einer schlecht durchschlafenen Nacht rechtfertigte.
Clemens’ Mutter weinte in der IKEA-Kantine; das konnte vieles be-
deuten, aber sie erklärte es damit, dass sie sich mit ihrer Putzfrau
überworfen hatte.
Einmal im Supermarkt, als sie sich einfach neben den Dosen auf
den Boden setzte und er sie trösten wollte, bemerkte er beim Massie-
ren, dass die linke Schulter seiner Mutter eiskalt und die rechte brenn-
heiß war.
Wenn sie sich ihre Mentholzigaretten anzündete, musste er ihre
Hand halten, sonst näherte sich das Feuer immer mehr ihrem Auge,
ohne dass sie etwas dagegen unternahm.
Sie begegnete einem distinguierten Herrn auf der Alser Straße und
kannte seinen Namen. Da war ihre Lunge bereits unheilbar vom
Krebs befallen.
Schließlich das große Coming-out: Sie breitete die Arme aus, stapfte
in großen Schritten durch die Wohnung. Sie wollte dramatisch wirken
– letzte Arie vor dem Vorhang –, aber Clemens wollte ihr gar nicht
zuhören. Sie wirkt wie ein Tanzbär, dem man quer durch den Kopf
geschossen hat, schrieb Clemens in seiner grausamen, gestelzten
Sprache.
Sie erzählte ihm alles. Vom Lungenkrebs, vom Brustkrebs, von den
Geheimtüren des Körpers, durch die sich die Metastasen schlichen.
Vom Parkinson. Von dem einen Arzt, der es trotz des traurigen Zu-
stands ihres Körpers nicht geschafft hatte, ein Rülpsen zu unterdrü-
cken.
Clemens irritierte das blöde Gesicht, das sie während des Erzäh-
lens machte. Halb Lustspiel, halb Dorfdepp! War sie auch noch stolz,
so kaputt zu sein? Sich zu spät um Hilfe gekümmert zu haben? Was
war los mit seiner Mutter?
Clemens erschrak über seine Gedanken. Jeder reagierte natürlich
anders auf traumatische Erlebnisse, aber das machte es nicht besser.
Während der Körper seiner Mutter verdarb, ging er seiner kalten Wut
auf den Grund.
Wie sie Clemens mit ihrem Geständnis überfallen hatte, auf der Ter-
rasse des Krankenhauses, mit der einen Hand den fahrbaren Tropf
haltend, der die Chemotherapie in ihre Adern einschlich, mit der an-
deren die Mentholzigarette. An diesem Abend, unter kaltem dunklem
Himmel, offenbarte die Mutter ihre gesamte sexuelle Geschichte. Cle-
mens hörte, ob er wollte, oder nicht, wie sein Vater im Bett war, wie
sein Vater zu verschiedenen Zeiten in ihrem Leben im Bett war. Ob
er es hören wollte oder nicht, zählte sie ihm alle Liebhaber auf, mit
denen sie Clemens’ Vater betrogen hatte, sie zählte die wenigen Male
auf, bei denen sie ihren zweiten Mann mit Clemens’ Vater betrogen
hatte; sie zählte die Dinge auf, die sie beim Sex erregten und die Cle-
mens’ Vater nicht hatte machen wollen, für die es sich aber lohnte, eine
Beziehung zu beenden; und sie zählte, ob Clemens es hören wollte
oder nicht, all die sexuellen Betätigungen auf, für die sich ein Sei-
tensprung, nicht aber das Ende einer Beziehung lohnte. Sie kritzelte
die für sie ideale Form eines Penis auf ein Blatt Papier und meinte,
dass Clemens’ Vater diesem Penis in nur fünf Punkten nicht ent-
sprach. Sie rauchte, sie weinte; vor Clemens’ Augen wurde sie Mensch.
Zwei Seiten über Ärzte.
Clemens merkte, wie sehr er seiner Mutter verzeihen wollte, einfach
um seine Ruhe zu haben, einfach weil man das so tat, wenn jemand
dermaßen in den Schmerz und die Verirrung gestoßen wurde, ein ein-
faches Menschlein in Todesangst.
Eine Begegnung mit einem Priester, die Clemens forsch herauf-
beschwor. Sonore Stimme, Rotwein, ein oranger Himmel in der
Wachau. Thema: Versöhnung. Clemens wollte große Antworten auf
diese Frage, ein endgültiges Gebot, gründlich überlegt durch all die
Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Aber ab der Hälfte bog der
Priester geistig ab, er hatte zu viel getrunken, und dann noch einmal
so viel. Er redete nicht mehr vom Verzeihen, sondern darüber, dass
man vor dem Verzeihen erst über Schuld reden müsse. Was sei
Schuld? Wann sei man schuldig? Reiche eine Anschuldigung, um
schuldig zu sein? Wenn zwei Menschen etwas Schönes miteinander
erlebten, könne man dann Jahrzehnte später mit dem Finger auf sie
zeigen und sagen, dass über das Gemeinsame nicht gemeinsam be-
stimmt wurde, dass Tricks im Spiel gewesen seien? Zärtlichkeit könne
doch aufbauend sein. Wir wären doch alle Kinder Gottes. Wer habe
denn hier wen reingelegt? Letztendlich sei es einfach in geworden,
den Priester aus der eigenen Schulzeit anzuschmieren, ganz gleich,
wer in wem gesteckt sei, und so weiter, und so fort. Mit sich drehen-
den Gedanken verließ Clemens die Wachau.
Ein weiteres Gespräch mit seiner Mutter, in dessen Verlauf Clemens
vor Wut mit der Hand ausholte, gegen dessen Ende sie sich aber um-
armten und weinten.
Hundert Seiten detaillierte Schilderung des qualvollen Sterbens seiner
Mutter in einer langen Nacht, die Clemens angetrunken in einer Ho-
telbar zubrachte. Zelle für Zelle: Wie sich der Körper ausschaltete,
welche Gedanken seiner Mutter durch den Kopf gingen, die Ab-
wechslung von Schmerz und Erleichterung, welches Zischen und
Brutzeln in ihrem Gehirn dafür verantwortlich war, dass scheinbar
zufällige Erinnerungen abgerufen wurden. Schmerz, Finsternis, in
einer klaren Sprache. Ein schwieriger Mensch ging aus der Welt und
es war die traurigste Angelegenheit.
Nach dem Gehirntod wählte Clemens noch eine gekünstelte Er-
zählperspektive aus dem Inneren des Körpers, beschrieb, was die Mi-
kroben und Bakterien erlebten, während der Gastkörper längst ver-
storben war; vom stehenden Blut in den Adern, von den Gasen in
ihren Gedärmen. »Sie ging aus der Welt wie ein zitternder Aal«, lautete
der letzte Satz dieses Kapitels, der aus dem Zusammenhang gerissen
alberner klang als im Roman.
Schon Wochen bevor Das untröstliche Sterben meiner Mutter erschien,
ging das Rauschen im Feuilleton los. Ein störrisches Meisterwerk sei
Clemens’ Roman. Knallhart, aber getrieben von einem zärtlichen
Herzen. Endlich widme sich da jemand, ohne auszuweichen, dem
Menschen in all seiner Peinlichkeit, seiner Würdelosigkeit und eben
– doch – Schönheit. Wobei nichts geschönt werde, weder die Mutter
noch Clemens noch der Mensch. Eine solche Wucht habe Clemens’
früheres Werk, obwohl von hoher Qualität, nicht erahnen lassen.
Und das war erst der Anfang. Als das Buch erschien, begann der Irr-
sinn vollends. In einer der wenigen noch verbliebenen Literatursen-
dungen im Fernsehen erhob sich einer der Kritiker von seinem Platz
und begann zu applaudieren.
Drei Wochen dauerte dieses Berauschen an der ausgestellten Ver-
wundbarkeit an.
Dann begann das erstaunte Geraune. Erst auf Blogs im Internet –
aber das konnte man ignorieren: Im Internet gab es keinen Unter-
schied zwischen Lüge, Wahrheit und Gemeinheit –, dann im Back-
stagebereich: Getratsche bei Lesungen, in Theatern und Galerien,
und dann – mit einem Paukenschlag – in den größten Tageszeitun-
gen, der FAZ am Sonntag, der Tagesschau und der Zeit im Bild:
Clemens’ Mutter ging es gut. Sie atmete, sie lebte, sie war frisch
pensioniert und lebte in einer Gemeindewohnung im 10. Bezirk. Sie
zeigte sich einigermaßen verdattert über das Buch, machte ein ge-
strenges Gesicht. In den Interviews, die sie gab, hielt sie sich mit
direkter Kritik an Clemens zurück, sondern sprach allgemein über die
unzumutbaren Lebensumstände, die eine tüchtige Frau wie sie im
Alter vorfinden musste, und wandte sich ganz ungeniert an den
Wiener Bürgermeister mit der Bitte um mehr Geld, eine schönere
Wohnung usw.
Clemens veröffentlichte nie wieder ein Buch – es war mir nicht un-
recht.

