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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Robert Wolf

Textprobe aus dem Stück Kopfäktschn

Zweiter Akt

Erste Szene

Rechts der Kopf Ed. Daneben eine Whisky-Flasche; ein dünner Schlauch in der Art eines bunten Strohhalms, der aus der Flasche bis in Eds Mundhöhe ragt, ermöglicht Ed, wann immer er möchte, zu trinken. Er ist angetrunken. Von allen drei Wänden beobachtet nun Carlsson mit unterschiedlicher Mimik die folgenden Szenen.

Ed: Ich weine, lache, neide, rase undsoweiter... nicht. Da beheult ein von Lethargie verseuchter Schweinehund meine linke Ohrmuschel. Das Trommelfell verwandelt sich notgedrungen in die Gestalt einer Ziehharmonika und quietscht und raunzt und verkriecht sich gerade noch mit Müh und Not in sein Selbst. Was soll ich dazu noch sagen?

Trinkt.

Mein verlottertes Gedächtnis aber funktioniert nun waghalsig. Den Umstrukturierungsmist habe ich schocklos überstanden. Die Angst ist weg. Super.

Trinkt.

Meinen Schatten tunke ich in den Vergessenheitsstrom, bis er zu ersaufen droht. Die Strömung ist ganz schön stark. Wie er sich plagt, platsch platsch ha ha... Ich erinnere... mich schwammig... an meinen Kö Kö Kö... Körper... Seine Anwesenheit heuchelt sich manchmal vor.

Trinkt.

Ein Kö..., ein Kö..., ein... ach was. Wo ist mein Kö Kö Kö..? Ach geh. Ist ja nur ein lästiges Anhängsel und gehört fristlos gefeuert. Brav hat er dran gewerkelt, der alte bescheuerte Mann, so superfrüh ist er immer aufgestanden, viel zu superfrüh für dieses nette, unterdurchschnittliche Rumpfding da. Warum ist er überhaupt aufgestanden? Eh? Weil mich der Mann doch glatt verschachern will, an irgendsoeine Einsamkeit. Balalam balalam balala. Bitte. Wie soll ich, als überdimensionale invalide Vereinzelung einer Entwurzelung Mehrsamkeit empfinden lassen können? Bitte. He? Einsamkeit? Je weniger man vom Leben hat, desto mehr überlegt man. Also hab ichs mir gerade überlegt. Die Einsamkeit ist nicht schlimm. Nein. Weil dann kommt eh bald die Verwirrung und die hopst dann mit dir gründlich herum. Dann bist du im Wirrnisdschungel. Und dort spürst du das Verführerische und die Gefahr. Und du erlebst ein Schauermärchen nach dem anderen. Und wenn du eine Elephantennatur zu sein glaubst, dann reißt du deinen Rüssel hoch und spielst wie Miles Davis auf der Trompete. Und dann geht es dir so radikal schräg, daß du dich in deinem Dilemma nicht mehr auskennst. Prost!

Singt.

Am Herzen nagen kann ich nicht, weil ich keines mehr habe. An die Brust schlagen kann ich mir nicht, weil ich keine mehr habe.

Singen aus, trinkt.

Mann ist das geil.

 

Quelle: Kopfäktschn / Im Club der einsamen Herzen, Suhrkamp 2001