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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Marlen Schachinger

aus: Die Chronik der Lessinggasse

Theresa stellte sich mit dem Rücken zur Wand. Rücken zur Wand. Beine auseinander. Los, wirds bald. Sie sah ihn auf sich zukommen, Strumpfmaske über dem Gesicht, groß und kräftig. Das Gekreische um sie schwoll zum alles verschlingenden Lärm an. Und ein zweiter, Abbild des ersten. Eine Hand wild gestikulierend, darin ein Maschinengewehr. Links von Theresa, die junge Frau mit ihrem Baby am Arm, sie fielen gleichzeitig in Ohnmacht. Wums. Einfach umgekippt alle beide, Frau und Kind. Theresa bewegte sich nicht, stand stocksteif, die Augen weit aufgerissen. Unfähig in das allgemeine Gekreische einzustimmen. Es hängt alles von mir ab, wenn ich mich bewege, wird er schießen, er wird mich und sie und das Baby erschießen, einfach so, ich darf mich nicht bewegen, nicht atmen, nicht. Mein Gott, nicht. Es wurde lauter immer lauter, das Gekreische und Gebrüll, und in das flüchtende Laufen und Hetzen hinein mischten sich die Schüsse und ihr Echo, und Theresa konnte nicht mehr ruhig stehen, schloss die Augen, die Handflächen auf die Ohren gepresst. Nun bin ich an der Reihe, jetzt, jetzt gleich, wie das wohl ist, wenn man stirbt, ich will noch nicht, nicht so, nicht niedergemetzelt werden.- Niedergemetzelt? Meine Liebe, du übertreibst, verwechselt da wohl etwas! Theresa schüttelte den Kopf. Mach die Augen auf. Alles nur geträumt. Nichts geschieht. Los jetzt, sei nicht albern. - Ich kann nicht. Er ist noch da, ich spüre es. - Unsinn! Jetzt reiß dich zusammen. Vorsichtig öffnete Theresa ein Auge, das linke, denn das linke war in Folge seiner Fehlsichtigkeit kein wirkliches Sehorgan, nur das gute Rechte, daher tat sie nichts, wofür man sie bestrafen konnte, und sie wagte einen verschwommenen Blick. Nichts. Keine Männer mit Strumpfmasken. Keine Maschinengewehre. Die Frau lächelte ihrem Baby zu, wiegte es und murmelte dümmliche Laute vor sich hin, die das Kind mit einem Grinsen quittierte. Nichts. Bloß ein alltäglicher Bahnsteig. Theresa zwang sich die Hände von den Ohren zu ziehen, auch das rechte Auge zu öffnen. Ich will, dass es zu Ende ist. Wann wird das alles endlich vorbei sein? - Ja, ertrink nur in deinem Selbstmitleid. Und sie sah bereits die Todesanzeige vor sich: Theresa O. Brincek, geliebte Irgendwas und Irgendwer von Niemandem, ertrank zum allgemeinen Entsetzen plötzlich und eines Tages im zarten Alter von 34 Jahren in einem Salzsee aus Selbstmitleid. Blumenspenden strengstens untersagt.