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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Susanne Schneider

Auszug aus „Herr Chen lebt in Wien“

Ein Nachmittag – ein Besuch
Was bedeutet das ?
Es ist für dich, denk nach.
Ich fange damit nichts an !
Doch, mach die Augen zu,
es kommt, denn es ist für dich.
Ich habe aber Angst davor.
Nein, keine Angst, du hast Kraft,
ganz locker, ganz leicht –
komm.

Der voll besetzte Autobus fährt durch den Nachmittag. Ich unter vielen Menschen, die nach der Arbeit nach Hause fahren. Allein bin ich auf dem Weg, jemanden zu besuchen. Genauso wie in dem Traum, den ich früher oft hatte, immer und immer wieder, fahre ich mit dem Bus eine lange Strecke. In dem Traum, da war es manchmal Nacht und es regnete in Strömen, ein anderes Mal wieder saß ich allein im Bus, der mich irgendwohin bringen sollte, ich wusste nie, wohin. Heute, in der Realität aber, ist es glühend heiß, die Sonne brennt herunter. Sommer – und wir sind am Ziel.
Der Autobus hält genau vor dem schiedeeisernen Tor, dahinter kann ich schon die Kuppel der Kirche sehen und zwischen Bäumen die einzelnen Pavillons, ich gehe weiter, eine Krankenanstalt wie jede andere. Und komme zu Pavillon 5, halte die Blumen verkrampft in der Hand. Sie sind für einen Freund, einen Menschen, der mir früher einmal, ohne es zu wissen, nahe stand und von dem ich viel, sehr viel gelernt habe.
Er ist krank, haben sie mir erzählt, schon seit Jahren und es wird immer schlimmer. Er wird dich wahrscheinlich nicht erkennen, haben sie mich gewarnt, du wirst ihn umsonst besuchen. Und eine Familie hat er auch, gaben sie zu bedenken, die Frau, das Kind, die werden sich schon um ihn kümmern, was eigentlich willst du dort, was bedeutet es dir? Was bedeutet es mir? Ich bin immer noch auf der Suche – nach der Wahrheit, nach einem Weg, nach einer Antwort.
Pavillon 5, Zimmer 12, dieses Krankenzimmer ist ein größerer Saal, ich sehe sechs leere Betten, vergitterte Fenster, die Tür schließt hinter mir automatisch. Das Zimmer wirkt auf mich sehr leer, ich sehe nur eine kleine, zusammengesunkene Gestalt, die regungslos neben dem Fenster sitzt. Er sieht mich nicht, sein Gesicht ist abgewandt, er erwartet niemanden.
Um ihn nicht zu erschrecken, nenne ich leise seinen Namen, gehe behutsam auf ihn zu. Er sieht mich an, nimmt meine Anwesenheit zur Kenntnis, doch da ist nichts, kein Erkennen, das Gesicht, die Augen – leer wie dieser Saal.
Einer der anderen Patienten kommt ins Zimmer zurück, ein stockiger Mann in mittleren Jahren, setzt sich auf sein Bett und versucht umständlich, über die Anstaltskleidung einen etwas zu engen Pullover anzuziehen, es gelingt nicht, da beginnt er Unverständliches zu schimpfen, zunächst leise, dann zunehmend lauter und immer wütender. Mein Freund reagiert auch darauf nicht.
Doch, die Blumen, die ich mitgebracht habe, sie interessieren ihm, gefallen ihm auch, er murmelt etwas, Moli Hua, Molie Hua. Ich verstehe, was er meint, Jasminblüte, nur sind das leider keine Jasminblüten sondern Nelken mit Asparagus.
Egal, ich gehe auf den Gang hinaus auf der Suche nach einer Vase. Enttäuscht wie ich bin, schaue ich mich draußen ein wenig um. Im Aufenthaltsraum rennt das nachmittägliche Fernsehprogramm, ein dünner, junger Mann schnorrt mich um eine Zigarette an. Ich habe leider keine, könnte jetzt selbst eine vertragen. Schließlich gehe ich in den Krankensaal zurück um mich von meinem Freund zu verabschieden, egal ob er nun weiß wer ich bin oder nicht. Doch er kommt mir schon entgegen und ist plötzlich ganz aufgeregt. „Du nicht weggehen, noch nicht. Bleiben da! Ich dich fragen, du bist gekommen und holen mich weg von hier? Du bringen mich nach Hause?“ Er sieht mich an. Endlich. Eindringlich. Ich glaube, er weiß nun wer ich bin. Und er weiß, was er will. Nach Hause. Er meint sein wirkliches Zuhause, 9.600 km von Wien entfernt. „Du mir versprechen, komm wieder und hole mich.“ Was fast wie ein Befehl klingt, ist doch eine Bitte. „Ja Chen, ich verspreche es dir.“ In diesem kurzen Moment des Abschieds ist dieses Versprechen Wahrheit für uns beide.
Wenig später sitze ich wieder im Bus, fahre zurück in die andere Richtung, in die Dämmerung hinein, erinnere mich an meinen Traum. Und glaube zu wissen, was mir dieser Besuch bedeutet hat.