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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Dieter Sperl

Hitze oder Regen

Sein bislang letztes Buch, das der Schriftsteller vor mehr als zwei Jahren abgeschlossen und alsdann einem Verlag zur Veröffentlichung angeboten hatte, kam ihm nun, da es endlich publiziert war und vor ihm auf dem Tisch lag, weit von ihm fortgerückt vor, und voll von Verlangen und Sehnsüchten, die mit ihm kaum noch etwas zu tun hatten.
Beim Wiederlesen schien es ihm sogar, als ob er die möglichen Wirkkräfte der einzelnen kleinen Prosastückchen überhaupt nicht mehr nachvollziehen könne, so fremd waren sie ihm geworden. Diese Partikel noch zu schreibender Geschichten oder noch auszuformender Rhythmen schlugen wohl zu Anfang seines Buches eine gemeinsame, wenn auch bloß atmosphärische Richtung vor, verliefen sich jedoch, von Seite zu Seite immer häufiger, um am Ende im Niemandsland ihrer Möglichkeiten zu versanden. Seiner Frau gegenüber hatte er die Veröffentlichung als sentimentales Gerümpel bezeichnet, als unverständliche Sehnsuchtsgegend, die er dem Leser aufgetischt hatte. Aber als er vor mehr als vier Jahren mit dem Buch anfing, hatte er sich vorgenommen, Geschichten zu schreiben, die wie die Hitze sein sollten, die an besonders heißen Tagen über dem Asphalt schwebte, oder die wie schnelle und überraschende Regenschauer vom Himmel kommen sollten, - berauschend und erfrischend. Jedes literarische Buch müsse stets sinnlich sein und glaubhaft aus Körpersäften bestehen, hatte er seiner Frau gegenüber bemerkt, einen sozialen Raum durchqueren müsse es überdies, um letzten Endes ins Offene zu weisen, wie ein Flugzeug, das mit seiner vielfältigen Besatzung am Himmel eine Kondensspur ziehe, die man Minuten später nicht mehr ausmachen könne. Und etwas, das wahrhaftig universell über jeden gerade gelesenen Satz hinaus treibe, müsse immer zugegen sein, sagte er, eine Art von Leere als Botenstoff, unmissverständlich spürbar, sichtbar in jedem Ausdruck, absolut offen und beweglich. Was in seinem Buch zu lesen stand, waren dagegen eher mit Politik voll geschriebene Gesichtszüge, die in ihren Bedeutungshorizonten relativ festgezurrt waren. Dennoch machte der Schriftsteller ein zufriedenes Gesicht, als er sein Buch betrachtete, während an der Wand rechts von seinem Schreibtisch ein stilles rhombusartiges Sonnenstück erschien, das in jenem Moment, da er es bemerkte, auch schon wieder verschwand. Daraufhin schrieb er die folgende Notiz auf das Deckblatt seines Buches: Jeder Augenblick, der auf mich zutritt, ist noch nie gelebt worden zuvor, solcherart frei von Vorstellungen, - und zugleich ewig während.