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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Christina Walker

Das rote Dreieck ist gut durchleuchtet

[...] Das rote Dreieck ist gut durchleuchtet, als ich die Augen öffne, einen Spalt weit nur. Es reicht, um Anker zu werfen im Tag, um herausgesogen zu werden aus dem feinen Nest verbrauchter Luft. Das zweite rote Dreieck würde ich sehen, wenn ich mich bewegte. Wenn ich den Kopf die Matratze hinunterschöbe, was eine sehr unnatürliche Bewegung ist. Ich werde sie vermeiden, wenn ich es nicht vergesse. Einige Traumbatzen bleiben anhänglich. Ein Zug, der mit dir aber ohne mich abfährt, obwohl ich und nicht du darin sitzen sollte; ein Eisvogel, dessen Flügel mit Silberpapier umwickelt ist. Wir haben das schillernde Tier in einen Kühlschrank getan, in einen mit gläserner Tür und auf ein halbes Grad Celsius genau temperierbar, wie er für Wein verwendet wird. Ich bleibe liegen und das zweite rote Dreieck bleibt verborgen hinter der Kante der Dachschräge, unter der ich schlafe. Beide Dreiecke zusammen bilden das Rechteck des Fensters. Der rote Vorhang ist ein klagloser Begleiter vor ständig wechselnden Maueröffnungen. Sein Stoff ist kaum verschossen.
Wahrscheinlich ist es noch früh. Draußen passiert nicht viel. Eine gute Zeit, auf die Suche nach dem ersten Satz zu gehen, bevor die Vorstellung von der Welt wieder vorgibt, fassbar zu werden. Ein Lichtbalken schüttet Wärme über träge Beine. Staubpartikel tanzen in ihm. Zwischen ihnen wird sich ein Wort finden, mit dem man den Satz beginnen kann.
Im Weinkühlschrank war kein Einlegegitter und keine einzige Flasche darin. Wir müssen den Vogel mitten ins Leere gesetzt haben. Er ist dennoch nicht abgestürzt. Nur seine Flügelbinde aus Silberpapier ist abgefallen und zittert beschämt auf dem Boden des Geräts. Während ich mein Gesicht in den Händen halte, um es wiederzuerkennen, fällt mir die Sache mit dem Sauerstoff ein. Dass es nicht viel davon geben kann. Der kleine Vogel ist ein Pfeil aus poliertem Stahl. Er sitzt auf nichts und richtet seine Stecknadelkopfaugen durch mich hindurch. Ich hätte mich dabei auflösen sollen, aber er tut es für mich. [...]


Quelle: Morgengeometrie (Kurzgeschichte), in: Morgenbetrachtung. Verweilen im Gesicht, Bucher Verlag 2008.