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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Brita Steinwendtner

An diesem einen Punkt der Welt (Ausschnitt)

... Weisst du, fing Tom wieder an, ich wüßte nicht, was ich schreiben sollte, wenn ich eine Biografie über mich schreiben müsste. Frag unsere Freunde, jeder würde etwas anderes sagen. Wenn ich über mich schreiben müsste, wäre es eine Durchschnitts- und Allerweltsgeschichte, keine Dramatik drin, nur eine kleine Provinzgeschichte, die ein leises Echo der grossen Geschichte ist und vielleicht nicht einmal das. Wenn ich über mich schreiben wollte, müsste ich mich erfinden.
Ein guter Fluchtweg ...
Wir machen uns ein Bild von uns selbst, fuhr Tom fort, und malen es zum Bildnis und stellen es auf die Kommode, schmücken es mit einem schönen Rahmen, dekorieren es mit Blumen und glauben, es sind wir. Ist dieses Bildnis nun wahrer als jenes, das sich andere von uns machen und wer entscheidet, welches das richtige ist? Wir haben unsere Lebensdaten, den Werdegang, die Vita. Allein das Wort ist kalt und kurz. Leben ist lebendiger. Wir sind lebendiger. Wir haben unsere Erinnerungen, die wir drechseln wie ein Stück Holz, sie bearbeiten nach Lust und Laune, nach Jahreszeit oder Lebenszeit, wir polieren und bemalen sie und bestimmen, wann wir sie ans Tageslicht holen. Und wenn sie ungefragt kommen, sind wir überrascht und wenn sie schön sind, tätscheln wir sie und ergeben uns weich in ihren Lichthof. Und wenn sie grausam sind und uns quälen, heulen wir auf oder gehen zum Psychiater oder schicken sie zum Teufel...  
Sie lachten. Tom schenkte sich nach, entzündete eine neue Zigarette, der Nachtfalter war tot, die Öllampe fast zu Ende gebrannt. Parmenides war müde.
Ein Letztes noch, Parmenides. Wir sind doch viel geschwommen im Meer. Es geht aber auch im Lamanderbach, wenn du willst, im Sommer: Schau in die Sonne, solange du kannst, schließ die Augen und tauch dann deinen Kopf unter Wasser. Da erscheinen Sonnenpunkte in deinen Augen – sie können Kreise bilden, die still stehen, Kreise, die sich bewegen, sie können Schlangenlinien, schöne Figuren oder freche Nasen sein, es können Keulen, Zitterringe oder Samen sein, die sich bewegen, Sonnenfinsternisse können es werden, verglühende Raumkapseln, Girlanden mit Blüten, wie Kinder sie zeichnen, Punkte, Diagonalen und Striche, die die Struktur eines Atoms haben. Und alles sind unsere Augen und es ist die eine Sonne, die wir sehen und trotzdem entstehen tausend Welten daraus. Und das –  –
Tom zögerte und sagte dann langsam, wie in einem kurzen Abschiedsmonolog:
Das ist Biografie: die tausend tanzenden Sonnenpunkte in uns – denn, ja, weisst du, wie ich mich gerne beschrieben sähe?  – Als Erzählung – als Text, der mit mir macht, was er will...

(Aus: An diesem einen Punkt der Welt, Roman, Haymon, Innsbruck 2014)