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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Gabriele Kögl

Mutterseele (Auszug)

Später ist es bald vorbei gewesen mit der Schönheit. Mein Mann hat gefressen wie ein Drescher, Fleisch, jeden Tag hat es Fleisch sein müssen, und wenn ich freitags kein Fleisch gekocht habe ist er ins Wirtshaus gegangen und hat dort sein Saftfleisch gegessen. Dann ist er heimgekommen, und es hat ihn gewürgt und gereckt, weil er soviel gegessen hat, und auf den Boden hat er sich gelegt, und gerollt hat er sich vor Schmerzen, und irgendwie war das kein schöner Anblick, wenn sich der Mann auf dem Boden gerollt hat und geschrien hat vor Schmerzen, wie eine Sau, die man absticht. Da war es auch bald vorbei mit der Liebe, das geht schnell, wenn man nicht aufpaßt mit der Fresserei und wenn man sich auch noch ducken muß vor dem eigenen Vater. Die Kinder haben genug Arbeit gemacht, und die Wirtschaft auch, da ist keine Zeit übriggeblieben für ein Vergnügen, das es nicht mehr war, mit der dicken Wampe, die mein Mann bekommen hat, und ich habe auch nicht mehr so auf mein Äußeres geschaut, weil es keine Rolle mehr gespielt hat, wie man ausschaut, wenn man einmal unter der Haube war und die Haare sowieso immer verdrückt waren vom Kopftuch im Stall, und die Kinder waren da, und das Leben, damit es weitergeht, irgendwie aber nicht zum Vergnügen. Für uns war es nicht vorgesehen, ein gutes Leben zu haben, da hat es andere gegeben dafür, die sich einfach genommen haben, was sie wollten und dann hat man gesagt, wie schlechte Menschen das doch wären, und ich habe mir gedacht, wenn ich so leben könnte, daß einer kommen würde und mich herausholen würde aus diesem Schinderleben, ich würde die Schande gern auf mich nehmen und alles verlassen für das schöne Haus und für den Mann, der mir einen Pelzmantel zahlen kann.

(aus: Mutterseele, Roman, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005; S. 60/61)