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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Livia Getreider

Der letzte Satz

Als ich gestern daran dachte, dass ich nächste Woche Ljuba sehen  würde, kam mir in den Sinn,  dass ich immer nach dem letzten Satz eines Textes daran denken würde, dass ich Ljuba gesagt habe, dass sie immer sagen würde, dass sie den letzten Satz streichen würde und ich bereut habe, ihr das gesagt zu haben,   da sie dann womöglich gehemmt sein würde, es wieder zu sagen, auch wenn der letzte Satz gestrichen werden sollte und dass ich mir immer überlegen würde, ob ich den letzten Satz nicht streichen solle und vielleicht sogar den vorletzten Satz ebenso und vielleicht auch noch den Anfang, da doch der Anfang oft nur dazu da ist,  sich einzuschreiben, und der letzte Satz dazu, etwas  abzuschließen,  was man genauso gut offen lassen könnte, da doch der Leser auch nicht dumm ist, und das immer mitzudenken ist, und man ihm ja noch etwas für seine Phantasie lassen muß, wenn man an den anspruchsvollen Leser denkt und es sollte doch für den anspruchsvollen Leser geschrieben werden, da man mit Literatur ohnehin nicht reich wird, und es besser ist, gleich damit zu rechnen, dass sich nur wenige Leser finden würden,  aber die sollten begeistert sein und vielleicht sogar so begeistert, dass ein verbreiteter Wunsch nach weiteren Werken dieses Autors geweckt wird, sodass sich schließlich mehrere Verlage um den Autor streiten und sogar schon ungeschriebene Manuskripte, von denen bloß ein Exposé kündigt, mit einem Vorschuß abkaufen, und später sogar den Vorlass,  sodass der Autor sich  nur mehr in seiner als krönenden Abschluß seines Werkes verfassten Autobiographie an die ökonomisch mageren Zeiten seines Beginns erinnert, als er zwar noch alle Freiheiten genoß, jedoch es für ihn äußerst schwierig war, auch nur ein wenig in materiellem Genuß zu schwelgen, auch wenn in diesen Zeiten die mit ihm befreundeten Autoren in der gleichen Lage waren und die Solidarität einzigartig und man fast ins Gefängnis gekommen wäre, weil man Texte geschrieben hat, die darauf hindeuteten, dass man seine Phantasie nicht nur im Schreiben, sondern vielleicht auch in einem Bereich  am Rande der Kriminalität oder sogar in ihr ausleben würde, wobei diese Missverständnisse nun völlig ausgeräumt sind und der Autor sich womöglich sogar einer Ehrenveranstaltung im Akademietheater rühmen kann, wobei es sich in allen genannten Beispielen  selbstverständlich auch um eine Autorin handeln kann.