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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Simon Konttas

16. Kapitel aus "Arme Leute"

Im selben Augenblick, da Krobler die Gartenpforte öffnet, um Igor nachzulaufen, steht Heribert auf der Straße. Er und Gerlinde haben während der Fahrt, nachdem sie Luise heimgebracht hatten, geschwiegen; beide in Gedanken versunken, beide in einer Befangenheit, die, je länger sie nun anhält, desto unauflösbarer zu werden scheint. Heribert überdies beschlich das Gefühl, alle seien wieder einmal gegen ihn; überhaupt, nachdem Gerlinde gemeint hat, er solle doch wegen des Ortsgebiets langsamer fahren. Ihm war in diesem Augenblick, als platze ihm buchstäblich gleich der Kragen; dass sie nicht den Mund halten kann! Und jetzt, da er aus dem Wagen steigt, die Tür zuwirft und Krobler schreien sieht, hat Heribert das Gefühl, als würden alle Fäden des heutigen Tages ins Unbestimmte zerfransen: nichts hat mehr etwas miteinander zu tun, alles ist unklar und einfach nur ‚irgendwie‘. Wut mischt sich da mit Müdigkeit, Gleichgültigkeit mit der stetigen Furcht, vielleicht doch ertappt worden zu sein. Kurz, ihm ist, als sei in seinem bisher recht wohlgeordneten, wenn auch sehr leeren Kopf alles durcheinander geraten. Und jetzt, da er sich auf die Gehsteigseite begibt, fühlt er plötzlich einen spitzen Stich in der Seitengegend. „Scheiße“, flucht er im Stillen, hält inne und hält sich die Seite.
Der junge Mann, dem Krobler vergeblich nachzulaufen versucht, dreht sich um, bleibt stehen, zeigt Krobler noch einmal den Mittelfinger und schreit: „Was ist, lass mich in Ruhe! Sonst zeig ich dich an!“ Mit einem Mal erkennt Heribert in dem jungen Mann einen der Burschen vom Reck und folglich einen aus dem Fast-Food-Lokal. Da geht das Seitenstechen über in ein Ziehen im Magen und wieder ist ihm, wie vorhin im Baumarkt, als breche, wenn auch nur für einen Augenblick, seine ganze Welt zusammen. Gerlinde – nun, da der junge Mann sich umdreht – glaubt in ihm einen von den zwei Burschen zu erkennen, die sie heute auf den Bildern gesehen hat. Wie mit einem Schlag ist auch für sie alles wieder da: die Bilder im PC, ihr starrsinniger Rechtssinn, Samanthas sexual-auratische Vorträge, die Wut darüber, sich mit Heribert nicht aussprechen zu können, eine ganze Kaskade an Gedanken, die ihrem phantasielosen, zähflüssigen Geist plötzlich einen Stoß versetzt, so wie man einen Pudding anstößt: und dann wackelt er, wie von Geisterhand bewegt, hin und her. Auch in Gerlindes Kopf wackelt auf einmal alles hin und her und, nicht mehr Herrin ihrer selbst, schreit sie dem jungen Mann nach: „Turnt woanders, ihr nackerten Affen, ihr ausländischen! Zieht euch woanders nackert aus und nicht vor unserem Garten!“
Heribert erschrickt, das Seitenstechen benimmt ihm jetzt fast den Atem. Luft, Luft!, fühlt er: ihm ist, als müsse er ersticken. Jetzt hat Gerlinde sich verraten: jetzt ist alles klar, sie hat die Bilder auf seinem PC gesehen! Er denkt es nicht, fühlt es nur und zugleich mit dieser unwiderlegbaren Empfindung steigt erneut jener blindwütige Starrsinn in ihm auf, der eine Mischung ist aus Angst, Rachegelüsten und der Unfähigkeit, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen. Er schließt die Augen und atmet: Luft, Luft … allmählich geht’s wieder.

Krobler, noch vor wenigen Sekunden mit Igor, der aber inzwischen unbeeindruckt weitergeht, beschäftigt, wendet sich auf Gerlindes Worte hin um, blickt sie starr an und befiehlt ihr, sie solle „gefälligst“ nicht so schreien. Da fühlt Heribert in unerwarteter Geistesgegenwart seinen Augenblick gekommen: jetzt oder nie kann er von dem, was ihn belastet und ihm dieses schreckliche Gefühl der Unterlegenheit und des Ertapptwerdens bereitet, ablenken; und wieder, mehr gefühlt als bedacht, schreitet er zur Tat. Er schreit Krobler an: dass er mit seiner Gattin nicht in diesem Tonfall reden solle! Gerlinde und der sich die stechende Seite haltende Heribert stehen inzwischen beide am Gehsteig, unweit des Eingangs zu ihrem Haus. Vor seiner offenen Gartenpforte bezieht Krobler, mit der Gartenschere in einer Hand, Posten. Abwechselnd schaut er in die Richtung des sich um nichts mehr scherenden Igor, dann zu den beiden Trafikanten.
„Sie werden mir nicht sagen, in welchem Tonfall ich reden soll!“, sagt Krobler, bedrohlich mit seiner Gartenschere fuchtelnd.  
„Schreien Sie meine Gattin nicht an!“, befiehlt Heribert noch einmal.
„Wissen Sie was, ich sag Ihnen einmal was, Sie …“, beginnt Krobler und deutet mit der Gartenschere wie mit einem ausgestreckten Zeigefinger.
„Na, was, was, was wollen Sie mir sagen, Herr Nachbar!“, gießt Heribert, sich mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht die Seite haltend, Öl ins Feuer, wobei er sich plötzlich wieder an den Traum erinnert, den er heute zu Mittag geträumt hat. Diese Erinnerung macht ihn irgendwie wütend und er setzt fort: „Was wollen Sie mir sagen! Sie haben mir überhaupt nichts zu sagen! Wissen Sie, was Sie sagen könnten: Sie könnten sich einmal entschuldigen bei mir, das könnten Sie machen!“
„Ja, genau“, assistiert Gerlinde, die plötzlich das Gefühl hat, ihrem Ziel, Heribert wieder für ihre sinnlichen Wünsche gewinnen zu können, einen großen Schritt nähergekommen zu sein. Krobler lacht zynisch auf.
„Entschuldigen? Ja, für was denn! Sind Sie denn ganz wahnsinnig geworden!“
„Das wissen Sie genau, Herr Krobler“, sagt Heribert und deutet auf sein Auto: „Das werden Sie mir bezahlen!“ Krobler runzelt die Stirn, deutet einen „Vogel“ an und versteht wirklich für einen Augenblick nicht, was Heribert meint. Er erinnert sich nicht an jenen Tag, da er unabsichtlich Heriberts Wagen zerkratzt hat; er erinnert sich nicht, da er, seinem Rechtsgefühl nach, nichts falsch gemacht hat.
„Jetzt spinnen Sie ja total! Was meinen Sie eigentlich?“
„Was fällt Ihnen eigentlich ein, dass Sie meinem Mann den Vogel zeigen!“, sagt Gerlinde, in gerechter Entrüstung auf ihres Gatten Seite stehend.
„Geh, seien S‘ doch still!“, befiehlt Krobler.
„Aber Hallo, Hallo, das geht zu weit!“, sagt Heribert.
„Wissen Sie, was zu weit geht, Herr Nachbar!“, erwidert Krobler, indem er zurück in seinen Hof geht, sich bückt und einem von der Straße aus nicht einsehbaren Mistkübel etwas entnimmt.

„Das geht zu weit!“, sagt er, wieder auf der Straße stehend. Heribert muss sich in die Lippen beißen, um ein Lachen zu unterdrücken. Herr Krobler hält eine braune Bananenschale in die Höhe.
„Was soll das sein!“, sagt Gerlinde, die nicht weiß, welchen Streich Heribert neulich ausgeheckt hat.
„Das wissen Sie ganz genau!“, schreit Krobler, indem er nun statt der Gartenschere die Bananenschale in der Hand hält.
„Mir reicht’s jetzt, so etwas lass ich mir nicht bieten!“, sagt Gerlinde und will schon zum Haus gehen; sie durchquert die Gartenpforte und begibt sich zur Eingangstür, die sie öffnet.
„Aha, das lassen Sie sich nicht bieten, so, so!“, schreit Krobler: „Ich lasse mir das aber auch nicht mehr bieten!“
„Holen Sie sich einen Psychiater, Herr Krobler, und tun Sie uns nicht belästigen mit ihren Gartenmüll!“ Krobler, vom offensichtlichen Starrsinn jener Person, die er ebenso wie Heribert für die Schuldige erachtet, aufs Äußerste gereizt, läuft rot an und schreit: „Solche Beleidigungen lass ich mir nicht gefallen!“
„Seien Sie doch still, Herr Krobler!“, ruft Gerlinde bissig: „Es schauen ja schon die ganzen Leut’ zu uns herüber.“  
„Das ist mir wurscht, wer herüberschaut! Solche Beleidigungen lass ich mir nicht gefallen!“, wiederholt er, am ganzen Körper vor Wut zitternd: „Glauben Sie, ich weiß nicht, wer mir das da in meinen Briefkasten geworfen hat, glauben Sie, ich lass mich verarschen! Von Ihnen sicher nicht, von Ihnen sicher nicht mehr!“
Heribert, der inzwischen wieder Festigkeit gewonnen hat, sodass er nicht befürchten muss, in Lachen auszubrechen, versucht seiner Stimme einen überlegenen Ton zu verleihen, indem er sagt: „Also, ich finde das schon sehr frech, dass Sie uns vorwerfen, dass wir so etwas machen.“
„Was? Sie sagen, dass ich frech bin! Sie sagen, dass ich, Sie!“
Gerlinde deutet nun ihrerseits einen „Vogel“ in Kroblers Richtung; er sieht es aus dem Augenwinkel; er wird noch wütender, er fuchtelt mit der braunen Bananenschale.
„Sie sagen mir nicht noch einmal, dass ich frech bin, sie asoziale, Sie Proleten, Sie …“
„Was sagen Sie, was?“ sagen Gerlinde und Heribert, fast gleichzeitig. Heribert, der sich bis jetzt die schmerzende Seite gehalten hat, ballt die Fäuste. Gerlinde steht vor der offenen Haustür. Jetzt fühlt sie sich, wie schon lange nicht mehr, mit Heribert innig verbunden; und auch er fühlt sich auf Gerlindes Seite stehend; das Seitenstechen ist wie von Zauberhand verschwunden, er ballt die Fäuste, er zittert am ganzen Körper, die alten, schon oft gehegten Rachegefühle lösen sich von ihren Verkettungen der Bequemlichkeit und behaglichen Gewöhnung, und Heribert beschleicht das Gefühl, als könne er Krobler allein mit dem Schlag seiner rechten Hand den Schädel zertrümmern: Blut fließt, Blut!, und vermischt sich warm mit dem austretenden Gehirn des widerlichen Nachbarn …
„Was sagen Sie, wiederholen Sie das!“, faucht Heribert.
„Prolet!“, schreit Krobler. Und er wiederholt es, genüsslich fast: „Proleeeet!“
Und weiter schreit er: „Asoziale Proleten! Den Mist lasst ihr im Garten stehen, alles liegt bei euch herum wie bei denen im Flüchtlingsheim, ihr dreckigen Menschen! Da muss man sich ja schämen, dass man Haus an Haus mit euch wohnt! Die Fenster habt ihr immer geschlossen, ich wette, ihr habt was zu verbergen, ihr asozialen Proletenschweine! Da hast deine Bananenschale, Arschloch!“, schreit er und schleudert sie Heribert mitten ins Gesicht. Dieser ergreift die Schale, knallt sie auf den Boden und mit einer Behändigkeit, die ihn beflügelt, weil er ihrer plötzlich bewusst wird, rennt er in sein Haus, sodass Gerlinde zur Seite springen muss, ergreift die auf dem Telefontischchen abgelegte Packung mit den Schrauben, stößt dabei das Gefäß aus Gmundner Porzellan unabsichtlich auf den Boden, sodass es zerbirst, reißt, noch im Rennen, die Packung auf, entnimmt dieser, sodass die anderen Schrauben hinausfallen, eine Schraube und rennt zu Kroblers Auto. So schnell kann dieser nicht schauen – denn er hat gedacht, Heribert laufe vor ihm davon und für einen Augenblick hat er das Gefühl gehabt, den Sieg davongetragen zu haben –, stößt Heribert schon eine der Schrauben gegen Kroblers Wagen und reißt einen langen Streifen in die Karrosserie.
„Sie Wahnsinniger!“, schreit Krobler, dem das ratschende Quietschen der Schraube gegen die Karosserie seines Autos wie durch Mark und Bein fährt.
Jetzt erkennt er, was geschieht. Blindwütiger Zorn, Hass, der rechtschaffene Besitzgeist des guten, braven, seine Steuern immer pünktlich zahlenden Bürgers steigt in ihm hoch und er rennt los, stürzt sich auf Heribert, der noch einen Kratzer verursacht und dann noch einen.
„Sie Psychopath, Sie Wahnsinniger, Sie Mörder!“, schreit Krobler, der Heribert an der Schulter fasst und dabei beinah auf der gegen diesen geschleuderten Bananenschale ausrutscht. Heribert, Kroblers Hände auf seinem Rücken spürend, wendet sich um und stößt mit der Schraube zu.
„Aua!“, schreit Krobler und als er sieht, dass er nur an der Hand verletzt worden ist, holt er mit der anderen Hand aus und drischt Heribert ins Gesicht. Die Schraube fällt auf den Boden. Und jetzt sind die beiden ineinander verhakt.
„Psychopath! Du hast mein Auto zerstört!“, schreit Krobler in einer Mischung aus Wut und kindischer Weinerlichkeit, indem er versucht, Heribert an die Gurgel zu gehen.
„Lass mich los, geh weg!“, keucht Heribert. Gerlinde steht an der Tür und hält sich die Hand vor den Mund.
„Johannes!“, hört sie plötzlich jemanden rufen. Sie blickt zur Seite.
„Johannes, um Himmels willen, Jesus, Maria!“ Es ist die Stimme von Herrn Kroblers Gattin Hermine. Doch Johannes Krobler hört nichts; blindwütig, zerstörungslustig drischt er auf Heribert ein, der plötzlich ausrutscht und niederfällt. Krobler tritt mit dem Fuß auf Heribert.
„Johannes, aus, hör auf, Johannes!“, kreischt Hermine Krobler, hält sich vor Schreck die Hand vor den Mund und rennt zu ihrem Gatten.
„Aus! Aus, Johannes, aus! Hör auf!“ Auch Gerlinde begibt sich wieder auf die Straße, als sie sieht, dass Heribert, scheinbar als Geschlagener, auf dem Boden liegt. Doch mit wundersam flinker Leichtigkeit richtet er sich auf, stützt sich an einem Baum ab, wobei die andere Hand in Hundekot gerät. Er hebt diese Hand und klatscht sie Krobler ins Gesicht, das nun braun verschmiert ist. Hermine, die für den Bruchteil einer Sekunde geglaubt hat, es sei Blut, kreischt hysterisch gellend auf. Als sie sieht, dass es nur Hundekot ist, schreit sie wieder „Aus, aus, es reicht! Bitte, bitte, aus jetzt, bitte, Johannes!“
„Heribert, Heribert!“, schreit auch Gerlinde. Die beiden Männer sind ineinander verkeilt und keuchen, rangeln. Heribert drückt Krobler gegen seinen Wagen und quetscht mit seiner kotverschmierten Hand Kroblers Gesicht gegen die Rückscheibe. Dann plötzlich: ein Stoß von Kroblers Knie; es erwischt Heribert mitten in den Magen. Er krümmt sich, stöhnt auf, sieht im Augenwinkel die Schraube auf dem Boden liegen, bückt sich, keucht, hebt sie auf und stößt sie Krobler mitten in den Arm. Ein Schrei wie der eines geschlachteten Schweins. Hermine kreischt, Krobler fällt zu Boden, wobei er, noch im Fallen, Heribert einen so kräftigen Stoß versetzt, dass auch dieser wieder torkelt. In der Zwischenzeit haben sich Schaulustige versammelt. Frau Maria, die gegenüber der Dorfdiscothek „Kuhfladen“ wohnhafte Freundin der Frau Schirlhuber, ist darunter. Sie schüttelt den Kopf und denkt sich ‚Das werde ich jetzt sofort der Mathilde erzählen‘. Frau Mathilde Schirlhuber kann diesen Kampf von ihrem Balkon aus nicht sehen, denn das Haus von Gerlinde und Heribert verdeckt die Sicht zur Straße. Jemand hat die Polizei und Rettung gerufen. Die beiden Streithähne liegen keuchend am Boden.
„Johannes, Johannes, um Gottes willen!“, sagt Frau Krobler und beugt sich, weinend, heulend zu ihrem Gatten, der sich, voller Schmerzen, den Arm hält. Heribert versucht sich aufzurichten, aber er muss sich an den Baum lehnen. Kroblers Stoß mit dem Knie war zu heftig. Der Magen tut ihm weh, als habe er Krämpfe und Durchfall und Magenkrebs und alles auf einmal; ihm wird schwindlig und schlecht, so schlecht und übel wie ihm noch nie zuvor gewesen ist und das letzte, was er hört, als er das Bewusstsein verliert, ist „So eine Schande, so etwas, dass es so etwas heutzutage gibt!“

(Aus Arme Leute, Sisyphus, Klagenfurt/Celovec 2018)