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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Julia Costa

Märchen

da ist eine Menschenstadt
mit einem Herz aus Stein und Elektrizität
das diesen Ort am Leben erhält

spürst du, wie es pulsiert?

da glänzt die Sonne auf den Straßenbahnschienen
da wächst etwas aus dem Asphalt
Gräser und Moos
Kastanien und Ebereschen

lass uns herumgehen
lass mich ein paar der alten Märchen erzählen
wie sie heute passieren

da sind Alleen aus Straßenlaternen
sie führen zu Schlössern und Burgen und Kirchen
die da heißen Sparkasse, InterDiscount, DEZ und Ikea

die Könige und Königinnen sitzen in schwarzen Anzügen und Kostümen
mit geschminkten Gesichtern an den Schreibtischen in ihren Büros

die Bettler sitzen wie immer in Lumpen auf der Brücke am Inn
sie halten dir leere Pappbecher und Schirmmützen hin

die Gräfinnen und Grafen werfen ihre Zigarettenstummel aus den Autos auf die Straßen
die Händler stehen hinter spiegelnden Schaufenstern und bieten Produkte aus Kambodscha feil

die Müllerinnen stehen in weißen Kitteln mit Mundschutz und Handschuhen
an steril geputzten Maschinen
die Bäche fließen unterirdisch in betonierten Röhren

die Königstöchter tragen Hotpants oder zerrissene Hosen und sprechen Worte in Telefone
die Königssöhne sitzen in Gruppen im Hofgarten auf der Wiese und trinken Energydrinks aus Dosen
die Kinder der Narren und Spielleute jonglieren daneben, spielen Gitarre und machen Yoga

in der Nacht treffen sich hier oder in einem anderen Park
der Teufel, seine Großmutter und Gevatter Tod
die Geister, die Suchenden, die Räuber, die Riesen, die Ausgestoßenen

da drüben tanzt Rumpelstilzchen ums erloschene Feuer
mit einer Bierdose in der Hand, es ruft seinen eigenen Namen
und welcher Königin das Kind genommen werden soll
lange hat niemand mehr Stroh zu Gold gesponnen
lange hat Rumpelstilzchen keine Königin mehr zwingen können
aber es singt und singt
heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!

Hänsel und Gretel verirren sich nicht im Wald
sondern im Sillpark zwischen den hohen Regalen
ihre Eltern haben sie alleingelassen zwischen Katzenfutter und Dosentomaten
die Spur aus Legosteinen wird von einer Putzfrau weggewischt
die Hexe wartet beim Schokoladenregal in einer Uniform mit Namensschild
sie mästet Hänsel und Gretel mit Schokolade aus Kinderarbeit

aber bei Ladenschluss verliert sie das Interesse
sie kauft ein Packerl Extrawurst und geht nach Hause
Hänsel und Gretel folgen ihr ein Stück und finden so den Ausweg
der Vater und die Stiefmutter haben sich derweil getrennt
und für drei ist der Kühlschrank grad voll genug

sieben verwandelte Schwäne sitzen am Ufer des Baggersees
sie fressen aufgeweichte Kebapreste
und liegengebliebene Gummischlangen samt der Plastikverpackung

die Feen und die Flaschengeister
lächeln aus photogeshopten Gesichtern
von den Werbeplakaten
du kannst alles haben, was du willst
du hast unendlich viele Wünsche frei
du musst nur dafür bezahlen

Dornröschen liegt im obersten Zimmer von einem Hochhaus im O-Dorf
sie schläft nicht, sie schaut Netflix
hundert Jahre lang wird sie sich nicht bewegen können
hier steht alles still
der Strom in den Kabeln
das Bild auf dem Bildschirm
die W-Lan-Signale in der Luft
sogar die Fruchtfliegen und eine letzte verirrte Mücke an der Wand
aus den bepflanzten Flächen draußen sind Efeu, Buchs und Rosenranken ums Haus herum gewachsen

am Fenster ganz oben in irgendeinem Zimmer im PEMA Turm am Bahnhof
sitzt Rapunzel und schaut auf die Zuggleise hinunter
der Prinz kommt nicht, es spielt keine Rolle
vielleicht findet er den Turm später, vielleicht klettert er hinauf
vielleicht steht er im Staub in diesem Raum und findet die Spuren
die Aufkleber an den Wänden, auf einem steht mein Körper, meine Regeln
das Fenster steht offen und die Tauben haben sich niedergelassen
Rapunzel hat nicht gewartet
sie hat sich das Haar geschnitten, es am Fenster befestigt und ist allein hinausgeklettert

die Prinzessinnen wollen nicht mehr gerettet werden
die Prinzen wollen nicht mehr retten
vielleicht wollen sie es doch und trauen sich nicht, das auszusprechen
sie piercen sich die Lippen, sie drehen Zigaretten
sie tanzen allein mit geschlossenen Augen an Konzerten
sie lassen sich Unendlichkeitssymbole tätowieren
und ändern ihre Pläne alle fünf Minuten

die Rattenfänger ziehen nicht mehr durch die Städte
sie drehen Videos und posten sie im Internet
die Kids gehören ihnen
die Erwachsenen auch
die Städte sind leer
nur die Hüllen sind zurückgeblieben

bist du Rotkäppchen?
hast du Wein und Kuchen im Gepäck?

nimm dich in Acht
pass auf, mit wem du sprichst
die Wölfe sind in der Stadt
sie zeigen die Zähne auf Plakaten
als würden sie lächeln
sie wollen dein Geld
deinen Körper
deine Angst
deinen Selbstwert
deine Loyalität
die Wölfe schauen in den Spiegel, und meinen Gott zu sehen
sie wollen dich nicht fressen
sie wollen deine Unterschrift
deine Stimme, damit du nicht mehr sprechen kannst

weißt du noch, ob du zu den Guten oder zu den Bösen gehörst?

wer singt die Lieder in dieser Zeit?
wer erzählt die Geschichten?
wer vermittelt die Werte?

du und ich?
die Werbung?
die freie Marktwirtschaft?
was ist daran frei?
was hat das mit einem Markt zu tun?
mit frischem Obst und Gemüse
mit Mehl und Brot aus der Mühle
mit Liebe und Respekt
mit Wahrhaftigkeit?

wer hat diese Worte ihrem Sinn beraubt?

was muss passieren,
dass alle glücklich bis an ihr Ende leben können
und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute?