MITGLIEDER

Text von:
Susanne Ayoub

Ausschnitt aus dem Roman „Spiegelschrift“

In der Wohnung angekommen tat es ihr leid. Sie hatte alle Hände voll zu tun, Menschen die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Sollte das immer und immer so weitergehen. Nur weil nicht alle Blütenträume reiften? Wenn Isabella hier wäre, dachte sie unvermittelt. Hätte sie Anna gefragt, ob sie sich Kinder wünschte? Niemals. Hätte Anna sich ein Kind gewünscht? Das konnte sie nicht beantworten. Wenn Isabella da wäre, wenn Mario nicht fortgegangen wäre, wenn. Siebzig Jahre wäre Isabella in diesem Jahr geworden. Anna konnte sich ihre schöne Mutter nicht alt geworden, krank, pflegebedürftig vorstellen. Isabella war wie ein Bild, eine Skulptur, eine marmorne Statue. Die kleine Anna hatte sie umarmt und festgehalten, sich an sie geklammert, ohne ihr nahe zu kommen. Da war immer eine Wand gewesen. 
Das Wort Verfolgungswahn hallte durch ihre Kindheit, sie war nicht einmal zehn gewesen, als sie begriffen hatte, Isabella war gefährdet. Isabella, so stark und so tapfer auf ihrem schwierigen, einsamen Weg, niemand hatte sie verstanden. Sie hatte nicht darum gebeten, es war klar, sie musste allein bestehen. Ihr Kampf gegen Gegner, die Anna nicht sah, nicht verstand, warum sie die arme Frau so unerbittlich verfolgten. Es gab eine Geschichte von Isabellas und Annas Schicksal, Isabella hatte sie erfunden und so lange wiederholt, bis es ihre Wahrheit geworden war. Und dann unversehens entpuppte sich Anna als der Feind, die Verräterin.
Erst Jahre später hatte Anna mit ihrer Großmutter darüber sprechen können. Wenn Isabella nur die Einsicht gehabt hätte, sich helfen zu lassen. Die Großmutter hatte nicht das Herz gehabt, sie zu zwingen, gegen den Willen des Großvaters unterschrieb sie den Revers, der für die Entlassung aus der Psychiatrie nötig gewesen war. Sie beschwor Anna, sich keine Vorwürfe zu machen. Es hatte nicht mehr lange so weitergehen können mit Isabella. Als ob sie gewusst hätte. Aber niemand, niemand wusste. 
Oxycodon war ein Betäubungsmittel, das gegen Angstzustände eingesetzt wurde. Man machte nicht viel Federlesens in diesen Jahren. Die allerschwersten Mittel wurden verordnet, Hauptsache, die Patienten waren ruhig gestellt. Eine der beängstigenden Erinnerungen aus Annas frühen Jahren war ein eiskalter Tropfen, der sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt hatte. Etwas Weißes bewegte sich über ihr. Erschrocken erkannte sie ihre Mutter. Das Wasser floss über ihr Gesicht, tropfte herunter, traf Annas Stirn, ihre Augen. Keine Tränen, Schweiß. Isabella zitterte, selbst ihre ineinander geflochtenen Finger konnten ihre Hände nicht still halten. Das mit Gewalt verabreichte Oxycodon machte die Patienten schnell süchtig. Isabella kämpfte dagegen, allein, wie gegen alle Gegner. 
Sie holte die verschriebenen Tabletten regelmäßig aus der Apotheke. Doch statt sie einzunehmen, hortete sie Packung um Packung. Erst Anna entdeckte später die Reisetasche, bis zum Rand gefüllt mit Medikamentenschachteln, und bald darauf, was es damit auf sich hatte. Sie rettete die Tasche aus dem Müll und bewahrte sie auf. Damals dachte sie, sie würde sich damit umbringen. Sie hatte im Medizinlexikon über die Wirkung nachgelesen, es war leicht, wenn man genügend davon einnahm. Bis zu dem Tag, als sie am Reinhardt-Seminar aufgenommen wurde, hatte sie die Vorstellung zu sterben begleitet. Dann verbot sie sich den Gedanken. Seit sie in der Salesianergasse wohnte, holte sie die Tasche von Zeit zu Zeit hervor. Die Tabletten waren wirksam, Anna hatte es an sich selbst ausprobiert. Sie wollte wissen, wie es Isabella in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie ergangen war. Das Leben fühlte sich fern und gleichgültig an. Mit Oxycodon gab es keine missliebigen Zeitgenossen, keinen Kampf, keine Beschwerden. Die Angst den Weg hinaus nicht zu finden, erübrigte sich, die Wege verliefen gerade und endeten unbestimmt. Das Licht war auffallend, alle Farben viel stärker und klarer, leuchtend. Oxycodon lud ein zu verweilen.