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bka Wien Kultur

MITGLIEDER

Text von:
Johanna Meraner

Schichten – kein Kuchen

… du [kannst] stundenlang auf dem Gipfel der Bäume sitzenbleiben, um auf den Morgen zu warten. Du sagst, daß es keine Worte gibt, diese Zeit zu beschreiben, du sagst, daß es diese Zeit nicht gibt. Doch erinnere dich. Mach’ eine Anstrengung, um dich zu erinnern. Oder, notfalls, erfinde.¹

Monique Wittig


Muss wohl aus den Neunzigern sein, dachte sie, als sie das Foto an die Korkwand pinnte. Als man noch echte Fotos machte. Ein kleiner Bauernhof inmitten von Weingärten.
An der Ostseite des Hauses ist der Weg erkennbar, dazwischen ist nur ein sehr schmaler Streifen Erde, in den eine Kletterrose und ein paar Blumen gesetzt sind, vielleicht auch Lavendel. Das sieht man auf dem Foto nicht, doch das kleine Fenster, hinter dem die Küche ist, das sieht man.
Keine große Bauernküche mit großem Tisch, wie sie in Filmen oft vorkommt. Man betritt den schmalen Raum und hat links Eckbank und Tisch, längs gestellt, dann eine Kredenz, einfach und zum Teil in die dicke Hausmauer eingelassen, aus der die Großmutter Gläser und Tassen holte. Rechts ein Bänkchen, praktisch zur Aufbewahrung von Feuerholz, auf dem der Großvater saß, und dann der holzbefeuerte Herd. Zwischen Kredenz und Herd vorne in der Mitte der Spülstein und darüber das kleine Fenster.
Während sie sich mit Eltern und Geschwistern auf die Eckbank drängte, füllte die Großmutter den Wasserkrug am Spülstein und blickte aus dem Fenster über die Weinberge, die Landschaft, sie stellte die Gläser in den Spülstein und schaute zu den entfernten Bergen, über denen frühmorgens die Sonne aufgeht. Die Enkelin nimmt von diesem Hof nur zwei Dinge mit: Den Wunsch nach einem Fenster über der Spüle und die Erinnerung an die warmen Hände der Großmutter.

Wie Kirschen Marillen Pfirsiche Zwetschgen Himbeeren Morgenduft Jonathan Lederer Gold Delicious Weißburgunder Vernatsch Blauburgunder schmecken:
Noch ganz unreif, nicht mehr ganz so unreif, jetzt kann man sie dann bald essen, jetzt bald kann man sie essen, eigentlich kann man sie noch nicht essen, ich esse sie jetzt – den ersten Pfirsich, noch ganz hart, ja jetzt kann man sie essen, grad richtig, mhm, der nächste Pfirsich ist schon fast saftig, jetzt ess ich soviel ich kann, lass noch was drauf!, jetzt sind sie dann reif, ja sie sind schon fast reif, jetzt isst sie auch die Mutter, jetzt sind sie fast ganz reif, gleich sind sie reif, jetzt isst sie auch der Vater, die Marillen sind ganz reif, weich und saftig, schon zu spät zum Kompott machen, und ziemlich rot, besser wir machen Marmelade, ich esse sie nicht mehr, wenn sie dann ganz ganz reif sind, aber die Schwester schon.
Und die Äpfel, die Gold, ganz ganz grün, nicht mehr nur grün, ein etwas helleres Grün und man sieht schon die Sprenkel und dann ein Hauch von Gelb, aber nur vorne und wenn sie hinten auch nicht mehr ganz ganz grün sind, dann kann man sie essen, aber sie sind noch nicht süß, erst wenn sie vorne deutlich gelb werden oder besser ein wenig rosa, dann werden sie süß und wenn sie rundherum ganz gelb sind, und vorne rosa, dann sind sie ganz süß, aber wenn sie ganz tiefgelb sind, dann liegen sie schon zu lange herum.
Keine Obstwiese, kein Gras mehr, auch kein Garten.
Herr F. aus dem Bioladen amüsiert sich, weil ich jeden Apfel rundherum anschaue und dazu den Kopf wiege, bevor ich ihn vielleicht nehme.

Es heißt, dass auf dem Piz de la flüta, der im Osten liegt, einmal im Jahr die blaue Flamme der Rajeta sichtbar wird.²

In diesem Haus gibt es keinen Keller und er ist leer. Es gibt keine Truhe und sie ist leer. Zu viele Löcher im Gewebe, um ein Muster zu erkennen. Und was ist es überhaupt? Ein Teppich? Ein Nachthemd? Ein Tischtuch? Es gibt kein Tuch. Es gibt keine Worte, sie müssen nicht zurückgehalten werden. Nicht einmal Schweigen. Öffne nicht diese Tür, das Maul, nicht die Büchse, zieh dir diesen Schuh nicht an. Wir werden dich nicht erkennen.
Natürlich tat ich es.
Buchstaben und Laute steigen auf, einzelne Silben. Eine Sprache? Wer versteht sie? Baubo Demeter Phryne. Nicht belegbar. Hathor Kali Kalwadi. Du hast zu viel Phantasie. Diana Proserpina Melusine. Aber ein gewaltiger Aufwand, um es zu verbergen. Morrigain Raetia Percht. Steine aus der Mauer brechen mit der Spitzhacke.
Hekate.
Scherben, rostige Nägel. Folterwerkzeuge, Scheiterhaufen. Vergewaltigung, Auslöschung. Diffamierungen jahrhundertelang. Schreibpult- und Kanzeltäter weiterhin geehrt. Widerstand? Bis zum Heiraten ist alles gut.
Hier kann ich nicht wohnen.
Ein Turm, rosenumrankt. Ewig. Hypatia, Sappho, Marguerite Porète. Du bist zu anspruchsvoll. Christine de Pizan, Anne Conway, Hannah Arendt. Was das Gymnasium mir vorenthielt, auf der Universität suchen? Ein glänzender Schlüssel. Wie fest ich ihn auch halte, immer dreht er sich in die falsche Richtung. Renée Vivien, Helene von Druskowitz, Monique Wittig. So findest du nie einen Mann.
Was hatte ich mit achtzehn in dem fremden Land gewollt? In der Fremde war ich immer schon gewesen. Abgrundtief, unüberwindbar.
Wie das Wissen ertragen, dass Frauenhass immer auch mich ganz persönlich meint? Schau doch nach vorn. Die Erfahrung, wie Gewalt wirkt. Du nimmst es zu schwer.
Ach, wie gut wäre es, ein Zauberkraut, eine Schutzmagie zu haben! Aus dem zerfransten Stoff ein Segel nähen, nicht einen Umhang.
Wenn ich in den Abgrund sehe, kurz nur, blitzt manchmal etwas auf, vielleicht blau, vielleicht eher violett, vielleicht ein Stein, eine Feder?

Blasen der Erinnerung steigen aus den Körperzellen auf wie Seifenblasen, während sie auf der Matratze liegt, sie schillern, aber anders als Seifenblasen zerplatzen sie nicht, sondern werden im Gegenteil immer fester, je mehr sie sich darauf konzentriert, fast wie ganz zarte Glaskugeln, nur dass sie darin in die Vergangenheit sieht. So geht es ihr jedes Mal. Dabei kommt sie nicht gerne her. M., die Behandlerin, kniet oder sitzt neben ihr, führt zarteste Berührungen aus an Gelenken, Sehnen, Muskeln, so zart, dass sie sie kaum wahrnimmt, ja, anfangs langweilt sie sich, denkt, wann fängt sie denn jetzt an?, und dann steigt eine dieser Blasen auf. Manchmal erzählt sie M. davon. Einmal sagt M.: Ich stelle mir vor, dass jede Person – sie sagt tatsächlich Person – etwas in dieses Leben mitbringt, das mit ihren Eltern nichts zu tun hat. Und sie sieht sich mitten im Kirschbaum sitzen in so einer Blase, und sie schaut zum Haus hinüber, und es ist irgendwie etwas Vergangenes, aber irgendwie auch etwas Zeitloses. Und seltsam, weil sie nie auf diesen Kirschbaum geklettert ist, sondern immer auf den anderen, den großen, der weiter unten am Rand des Gemüsegartens stand, gleich neben dem Staudenbeet, wo im Mai die Schwertlilien aufstrahlten, dufteten, wo die fünfsechssiebenjährige davor hockte und sie malte und die Verwandten sagten: Wo sie das wohl her hat? und die Mutter sagte: Bestimmt von unserer Seite. Sie muss lächeln und das Mädchen auf dem Kirschbaum in der Glaskugel lächelt ihr zu.
Von dem Grundstück besitzt sie ein Stück Irisrhizom und ein Scheit vom Kirschbaum, dem großen.

¹ Monique Wittig, Die Verschwörung der Balkis, München 1980, S: 90.
² Heide Göttner-Abendroth, Frau Holle und das Feenvolk der Dolomiten, Königstein/Taunus 2005, S: 347.
Die Rajeta, der blaue Stein, ist ein zentrales Motiv der Fanes-Sage.